Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
55
Einzelbild herunterladen
 

Mythenmotive und Märchenmotive. 55

tötet oder wiederbelebt, Medeia macht den zerstückelten und gekochtenSchafbock lebendig, wie die Götter den ihnen von Tantalos zumMahle vorgesetzten Pelops, und Polyeidos erweckt Glaukos vom Tode,indem er einer Schlange nachahmt, die eine Artgenossin durch Auf-legen eines Krautes ins Leben zurückgerufen hat. Dem Seher Me-lampus verleihen junge Schlangen, die er, nachdem er ihre Mutterbestattet, aufgezogen hat, aus Dankbarkeit das Verständnis aller Tier-stimmen, indem sie ihm das Ohr auslecken, und so können ihm, alser im Gefängnis sitzt, die im Holze bohrenden Würmer mitteilen,daß das Haus bald einstürzen wird; Teiresias, der eine weiblicheSchlange getötet hat, findet sich in ein Weib verwandelt, wird aberwieder zum Manne, als er eine männliche erschlägt, und Athene, dieihm das Augenlicht genommen hat, begabt ihn mit dem Vermögen,die Sprache der Vögel zu verstehen. Leto verwandelt GalateiasTochter in einen Mann; dasselbe tut Poseidon mit Kainis und machtüberdies den neuen Kaineus unverwundbar. Das Goldene Vließ kannJason seinem Besitzer nur mit der Hilfe von dessen zauberkundigerTochter rauben, die ihn durch eine Salbe festgemacht hat gegen Feuerund Eisen; Kirkes Zaubertrank und Zauberstab verwandeln dieGefährten von Odysseus in Schweine, aber Odysseus zwingt dieGöttin, ihnen mit einer Salbe die alte Gestalt zurückzugeben.Mestra ernährt ihren Gatten, indem sie sich von ihm nacheinanderals Pferd, Kuh usw. verkaufen läßt, stets aber wieder zu ihm zurück-kehrt, Proteus vermag sich in alles zu verwandeln, was es auf Erdengibt, selbst in Wasser und Feuer, Periklymenos verwandelt sich indem Kampfe mit Herakles in einen Löwen, dann in eine Schlangeund schließlich in einen Bären oder einen Adler, aber dies nützt ihmebenso wenig, wie der Nereide Thetis, als sie mit ihrem Freier Peleusringt, die Verwandlungen in eine Löwin, in eine Schlange, in Feuerund Wasser; dem Kinde Achilleus, das sie dann gebiert, will sie dieeigene Unsterblichkeit mitteilen, indem sie es im Feuer läutert, wiees Demeter mit dem Söhnchen Demophons und Metaneiras tun will,und nur das unversehene Erscheinen des Vaters verhindert den Erfolg.Als Meleagros geboren wird, erscheinen die dre.i Moiren: die eineverleiht ihm Edelsinn, die zweite Tapferkeit, die dritte aber bindetsein Leben an einen fast verloderten Feuerbrand; diesen verlöschtseine Mutter Althaia, brennt ihn jedoch nach Jahren, als der Sohnihre Brüder getötet hat, selber ab. Das Leben des Königs Nisoswieder hängt an seiner goldenen oder purpurnen Haarlocke, und nurder Verrat seiner Tochter, die sie ihm ausreißt, bringt ihm den Tod.Perseus zwingt die drei Graien, indem er ihnen ihr eines Auge undihren einen Zahn nimmt, ihm den Aufenthaltsort der Nymphen zuverraten, die die unsichtbar machende Hades-Kappe und die zumDurcheilen der Luft befähigenden Fußflügel in Verwahrung haben,und mit Hilfe dieser Zauberdinge gewinnt er das alle Lebewesenversteinernde Gorgonenhaupt.

Das alles sind nun, wie jedermann sieht, Wundermotive, wie siein dem Märchen vorkommen, das sich eben durch sie von der Sageunterscheidet, die außer den Gemeinschaftsmotiven im allgemeinennur Wahnmotive verwendet, und von der Geschichte, die, wieder