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Versuch einer Theorie des Märchens
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54 Das Wunder.

Sklaven durch Bakairi-Indianer:Man konnte ihn nicht erwischen,aber in einem der nächsten Büsche fand sich eine Schildkröte; daberuhigten sich die Bakairi-Leute in der festen Überzeugung, derKnabe habe sich in die Schildkröte verwandelt." Diese Fähigkeitdes Gestaltenwechsels gehört also zu den selbstverständlichen Eigen-schaften der Menschen und Tiere, von denen die Primitiven erzählen,und könnten sie den Begriff des Wunders erfassen, sie würden dieseFähigkeit keineswegs als wunderbar empfinden. Ein Wunder inunserm Sinne meint H. Greßmann, der in dem HandwörterbuchDie Religion in Geschichte und Gegenwart (vo. Wunder) sagt, dasWunder erscheine dem primitiven Menschen zwar außergewöhnlich,aber nicht unmöglich, weil er den Begriff der Naturgesetze nichtkenne; Wetzers und Weites Kirchenlexikon, das natürlich den katho-lischen Standpunkt vertritt, bringt in einem Artikel, der Paul vonSchanz zum Verfasser hat, folgende Definition:Wunder ist einesinnfällige, außerordentliche Wirkung, die nicht in der uns bekanntenOrdnung der Natur, sondern in Gott ihre Ursache hat." Man sieht,die zwei Sätze stimmen in dem Kriterium überein, daß das Wunderdie Naturgesetze aufhebt oder bricht, und so kann es natürlich fürden Primitiven, der noch kein Naturgesetz kennt, kein Wunder geben.Mit dem Augenblicke aber, wo der Mensch etwas wie eine Gesetz-mäßigkeit in der Natur erfaßt, steht er schon an der Schwelle derKultur, und jede weitere Erkenntnis entfernt ihn weiter von seinenalten Anschauungen; um Naturgesetze in unserm Sinne kann es sichdabei selbstverständlich nicht handeln es wäre denn, sie würdenihm von Fremden beigebracht, er also zivilisiert, wodurch die natür-liche Entwicklung jäh ein Ende nähme, es müssen sich also Aus-nahmen einstellen, und jeder solche Durchbruch erscheint ihm alsWunder. Der Medizinmann ist an dem Ende seiner Weisheit, dieNatursage, die ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen kann, räumt ihrenPlatz dem Mythos, der erste Gott tritt, wenn auch noch anthro-pomorph, als Thaumaturg in Erscheinung, und dem ersten Mythos desStammes folgen weitere, da der nun wundermächtige Gott auch inden jetzt obsolet gewordenen alten Natursagen sein Recht fordert.Solche Mythen mögen zu der Zeit, wo Dichter, Seher und Priesterdie Überlieferungen der einzelnen griechischen Stämme auf ihreFähigkeit, sich zu einer Einheit zusammenfügen, zu prüfen begannen,in großer Zahl vorhanden gewesen sein; die meisten Stämme hattenwohl schon kleine Mythologien entwickelt, und das Geschenk desersten Mythos brauchte wohl kein Grieche mehr. Wohl aber wurdedurch die zwar in Dialekte gespaltene, in jedem Dialekt jedoch baldso ziemlich allgemein verständliche Sprache und durch die Dicht-kunst die Gesamtheit des Volkes einer gewaltigen Mythologie teil-haftig mit einem wahren Wust von Wundern.

Den Töchtern von Anios schenkt ihr Ahn Dionysos die Gabe,daß sich in ihren Händen alles in Korn, öl und Wein verwandelt,Amaltheias Hörn spendet Speise und Trank im Überfluß, von Hermeserhält Apollon den Stab, der Glück und Reichtum schafft, und dasEssen der Lotosfrucht bringt Vergessen wie das Wasser der Lethe.Athene übergibt Apollons Sohn Asklepios das Blut der Gorgo, das