Die Zubereitung der Mythen. 53
alten Natursagen beruhte ? wer hat die Tiere, von denen so manchesHerrschergeschlecht abstammen wollte, als Götter erklärt, die dieseTiergestalt angenommen hätten, um dem sterblichen Weibe zu nahen ?Wer hat die verschiedenen Ortsgottheiten als Manifestationen einesGottes wie Apollon oder einer Göttin wie Aphrodite zusammengefaßt ?Wer hat den Olymp mit Göttern bevölkert gleich einer Weltregierung ?Auf all diese Fragen gibt es nur Eine Antwort: Menschen von der-selben Art wie die, die vielleicht ein paar Jahrtausende zuvor denStammesgenossen die ersten um Erkenntnis ringenden Fragen beant-wortet haben: Priester, Seher, Dichter, freilich nicht allesamt vondem Schlage Homers oder Pindars, Menschen jedoch, denen dieStämme und vielleicht auch noch das Volk den Besitz von Kräftenzubilligten, wie den Lieblingen der Götter. Diese Menschen, dieseSeher, Priester und Dichter mußten, lange vor Thaies, der, wennwir Stobaios glauben dürften, als erster den Gott, die niedern Gott-heiten und die Heroen unterschieden hätte, genau so erfinden, wieihre Vorgänger, die Medizinmänner, aber nicht mehr nur, um dieWißbegierde eines Einzelnen oder eines Stammes auf eine kleine Weilezu stillen, sondern um ein Lehrsystem zu schaffen, das auch aufspätere Fragen Antworten zu geben imstande sein würde. Auch siehatten Geschichten zu erzählen, aber nicht mehr für Primitive, vondenen eine Kritik vielleicht erst nach ein paar Generationen zuerwarten sein würde, sondern für ein Volk, in dessen höhern Schichtendas ästhetische Bedürfnis in demselben Maße gewachsen war undwuchs wie die Kultur.
Der Mythen, die solcherweise zubereitet und verquickt werdenwerden mußten, mögen mancherlei gewesen sein, und wenn es auchdurchaus unwahrscheinlich klingt, so kann doch nicht als aus-geschlossen gelten, daß sich darunter hin und wieder auch noch ver-erbte primitive Natursagen vorfanden, die noch nichts Mythischesan sich hatten, die noch nicht den Gottes begriff kannten, in dessenEinführung ich den Unterschied zwischen der primitiven Natursageund dem Mythos erblicken möchte. Erinnern wir uns der australischenNatursagen, die nach Van Gennep mitgeteilt worden sind: denMenschen hat ein Strauß gemacht, die Sonne ist eine Frau, die sichvon den Toten mit dem Fell eines Känguruhs beschenken läßt, augen-scheinlich, auf daß sie eine Weile bei ihnen bleibe, und allerlei Tiereverwandeln sich durch ein bißchen Sonnenwärme in Menschen. Dieseeinheitliche Auffassung der gesamten Umwelt, die es mit sich bringt,daß ein Wesen heute ein Mensch, morgen ein Tier, dann wieder einHimmelskörper sein kann, daß alles, was existiert, im Grunde poly-morph ist, charakterisiert nicht nur den primitiven Australier, sondernden primitiven Menschen überhaupt. Nach Wundt (V, 95) sind indem primitiven Mythenmärchen — unter Mythenmärchen verstehter das, was wir Natursage nennen — Verwandlungen von Menschenin Tiere und von Tieren in Menschen gewissermaßen noch gegen-standslos, weil die meisten dieser handelnden Wesen Tiere undMenschen zugleich sind, und ein paar Seiten weiter (109) zitiert er —ein treffendes Beispiel — nach Karl von den Steinen eine aus Brasilienstammende Geschichte von der Verfolgung eines flüchtigen Neger-