Die Grenzen für die Wanderung der Natursage. 51
er werde eine Gemse werden, und als Gemse entflieht, und so weitist alles ganz recht; einer mutwilligen Laune des Erzählers jedochentspringt der Schluß, der lautet: „Das war die -erste Gemse", geradeals wäre die Absicht des Märchens gewesen, die Existenz der Gemsezu erklären. In einem andern, das zu der Gaudeif-Gruppe gehört(ebendort 462 f.), verwandelt sich der Zauberlehrling in einen Stich-ling, sein Meister, der Teufel, in einen Walfisch, und schon kommtder Schluß: „Der Walfisch aber sucht bis heute den Stichling"; dasPrimäre ist ja vielleicht die Absicht, zu erklären, warum der Walfischdem Stichling nachstellt, aber Mutwille ist es, das Märchen zu diesemBehufe in der Entwicklung abzubrechen. Hin und wieder wird auchdie Deutung dem Märchen nur aufgepfropft, um es zu verzieren, umes gegenständlich zu machen; das trifft zum Beispiel bei SvendGrundtvigs Mons Tro zu (Ad. Strodtmann, II, 1 f., 16), das zu Ferenandgetrü und Ferenand ungetrü gehört: als die dem Helden dank-schuldigen Fische den Schlüsselbund suchen, den die Prinzessin insMeer geworfen hat, bricht sich ein alter Hornhecht an diesem, derzwischen zwei Steinen eingeklemmt ist, den einen Schnabel; „seitherhat der Hornhecht einen langen und einen kurzen Schnabel." Indiesen und in andern Fällen wird das Märchen von seinem Nach-erzähler für, wenn man so sagen darf, didaktische Zwecke mißbrauchtund dadurch verballhornt; wer ein Märchen in eine Natursage um-biegen will, tritt nicht in, sondern neben die Fußstapfen Ovids, erfolgt den Indern, die aus dem Mythos von Agnis Flucht die armseligeNebennutzung zogen, das Quaken der Frösche zu erklären, und erhandelt wie die pietistischen Christen, die so schöne Legenden, wiedie von dem Gespinst vor der Höhle, in den Dienst einer pietätlosenSpekulation stellten.
Echt sind nur Natursagen, wie die zu Anfang dieses Kapitelsaus Australien mitgeteilten oder die russische, die lautet: „Die Pfauinputzte den Pfau zum Ostersonntag und kam nicht dazu, sich selberanzukleiden; daher ist der Pfau ganz bunt, bei der Pfauin nur derKopf" (Dähnhardt, I, 197), oder die kujavische: „Die Bienen wolltenauch am Sonntag nicht ruhen; da verbot ihnen Gott, von dem rotenKlee, der honigreichsten Pflanze, zu sammeln" (Dähnhardt, III, 306),oder die indianische: „Als die Menschen noch unter der Erde waren,grub der Maulwurf eines Tages ein Loch durch die Erddecke, so daßdas Licht hereinströmte und er erschreckt zurückfuhr; seitdem hater keine" Augen, das Licht hat sie getötet" (Dähnhardt, III, 269)2hier sieht man noch überall deutlich die Entstehung der Geschichte:die Frage des Unwissenden und die Antwort des Klugen. Diese Ant-wort befriedigt eine Zeitlang, und in dieser Zeit kann sich die ausFrage und Antwort entstandene Geschichte verbreiten, kann wandern;allerdings hat ihr Verbreitungsgebiet seine Grenzen: sie darf nichtauf geistig Höherstehende stoßen; denn diese machen aus ihr einenSchwank, der etwa so beginnt: „Die Leute dortunddort sind so dumm,daß sie glauben . . ."