50 Die Natursage und das Märchen.
sagt Lang (I, 51), „Sokrates an einen Mythos erinnert oder einenerfindet, so hat der Wilde fast zu jeder Frage, die er sich stellen kann,eine Geschichte bereit"; Lang hätte das Tertium comparationis besserherausgearbeitet, wenn er den Vergleich so gefaßt hätte: „So wieSokrates seinen Schülern Geschichten erzählte, so hat auch der Mann,der den Wilden ein Lehrer ist, jederzeit eine Geschichte bei der Hand,um ihre Wißbegierde zu stillen", und das entspräche auch der Meinungdes alten Fontenelle, für den der Primitive, der sich Fragen stellt,wie „Woher kommt derundder Fluß?", ein Philosoph gewesen ist,ein wunderlicher zwar, aber mit dem Zeuge zu einem Descartes (Lang,
II, 340).
Diese Stellung des Weisen, in dem sein Stamm ein mit höhermWissen, ja mit höhern Kräften begabtes Wesen erblickt, ist es, diewir festzuhalten haben: was ihm der Weise sagt, ist dem PrimitivenOffenbarung, und diese Offenbarung wird verbreitet, bis das gelegent-lich Gesagte zur Sage geworden ist. Dabei enthielt das Gesagte undenthält die Sage nur Motive des Gemeinschaftslebens, gehört alsozu der von uns als älteste Form der Erzähung angenommenen Gattungder Geschichte. Geschichte in dem Sinne von Historie kennt derPrimitive natürlich nicht; was in ihm dämmert, sind schwach gepflegteÜberlieferungen von den Erlebnissen des Stammes, verknüpft vielleichthin und wieder mit den Erinnerungen an einen Häuptling oder einenPriester, ansonsten aber kollektivistisch, da das Schicksal des Stammeszugleich das Schicksal des Einzelnen ist. So kennen denn auch dieMärlein, die ihm sein Priester erzählt und die er weiter erzählt, stetsnur die Gattung: nicht der Eine Ungläubige erleidet den Verlustder Unsterblichkeit, sondern die ganze Menschheit; der Mond über-gibt seine Botschaft nicht Einem Hasen oder Einem Hunde, sonderndem Hasen, dem Hunde, und ebenso trifft die Strafe des schlechtenBoten nicht das einzelne Individuum, sondern die ganze Gattung,die als Individuum auftritt. Ansonsten ist in all diesen Erzählungen,auch wenn wir das prälogische Denken des Primitiven nach den Gesetzenunserer Logik überprüfen, nichts Transzendentes, nichts Irrationales;das für uns Transzendente, das für uns Irrationale kommt erst hinein,indem sie die menschlichen Verhältnisse auf Außermenschliches über-tragen. Wir haben also das Recht, Erzählungen, die zu dem Zweckeder Deutung von Vorgängen in der Natur erfunden worden sind, nachdem Muster Dähnhardts und anderer Natursagen zu nennen.
Bei dieser genetischen Abhängigkeit der Natursage von der Ge-schichte erscheint es nun seltsam, daß der Versuch gemacht wordenist, auch das Märchen, indem man ihm am Ende oder mit jähemAbbruch auch in der Mitte einen aitiologischen Schluß anhängte, zurNatursage zu entwickeln; gelingen konnte das natürlich nicht, undder Versuch scheint auch nicht gar häufig gemacht worden zu sein.Ein estnisches Märchen (Dähnhardt, III, 460), das dem Grimmschenvon dem Brüderchen und dem Schwesterchen entspricht, erzählt,wie der vom Durst gequälte Knabe an der Quelle, die ruft, wer vonihr trinke, werde ein Hase werden, vorbeigeht, ebenso an der Quelle,die warnt, daß wer von ihr trinke, in einen Fuchs werde verwandeltwerden, dann aber von der dritten trinkt, obwohl sie gedroht hat,