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Versuch einer Theorie des Märchens
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Ernsthafte oder Scherzerzählung ? 49

(Les contes populaires, 1923, 12 f.); für Wilhelm Wundt ist sie einechtes biologisches Märchen von explikativem Charakter", das jedochin der Vorstellung von dem Sterben und Wiederaufleben des Mondesund in der Beziehimg der Figur im Monde auf einen Hasen Züge desHimmelsmärchens in sich aufgenommen hat", und ihmsind geradediese Züge so gewendet, daß sie die ganze Fabel deutlich genug indie Reihe der witzig erfundenen Scherzfabeln verweisen" (Völker-psychologie, V 3 , 366). Auch von diesen Forschern kennt keiner dasgriechische Original der Negersagen oder auch nur eine der wenigstenszeitlich als Zwischenglieder aufzufassenden Bearbeitungen; ihre Urteileaber würden sie wohl auch nach der Kenntnis der alten literarischenFassungen nicht ändern: für Lang würden dann eben diese die schönstenaller primitiven Natursagen sein, Huet würde in ihnen eine will-kommene Bestätigung seiner tournure philosophique sehen, und Wundtwürde vermutlich die witzig erfundene Scherzfabel unterstreichen.Recht hätten sie damit alle drei; Wundt jedoch bekäme erst Recht.Sophokles mag ja wirklich einen Scherz beabsichtigt, viele Zuseherbei seinem Satyr-Spiel mögen die Fabel wirklich als Scherzfabel auf-gefaßt haben; nicht so steht es hingegen mit denen, die die Geschichtelange vor Sophokles zum ersten Male gehört und sie weitererzählthaben: die glaubten ihren Inhalt sicherlich ebenso, wie ihn die Hotten-totten, die Galla usw. glaubten und glauben.

In der griechischen Muttersage war es Zeus, der den Menschendie Unsterblichkeit schenken wollte; aber dieser unsichtbare Gottwar nichts für die primitiven Neger, und so ist es begreiflich, daß manfür ihn als Heilbringer den Mond einsetzte, der ja nach der primitivenAnschauung wirklich stirbt und wiederauflebt, also über das Geheimnisverfügt, das die Menschheit ersehnt. Damit hat die Natursage inAfrika eine Bereicherung erfahren, aber nur als Akzidens, und dasWesentliche, das Ursprüngliche ist gemeinsam: die Beantwortungder Frage, warum die Menschen nicht wieder aufleben wie die Schlangen,deren abgestreifte Bälge man häufig findet. Daß noch überdies erklärtwird, einmal, warum die Dipsas Dipsas heißt, warum sie nämlichimmer durstet und ihren Durst den von ihr Gebissenen mitteilt, dasandere Mal, wieso der Hase ein schartiges Maul hat, dient zu einerBewährung der Fragebeantwortung, indem auf Dinge verwiesen wird,deren Tatsächlichkeit jedermann bekannt ist. Nun soll gewiß dieMöglichkeit nicht geleugnet werden, daß der geistig Höherstehendederartige Fragen, die immerhin dem Drange nach Erkenntnis ent-sprangen, hin und wieder scherzhaft beantwortet und sich über denguten Glauben, den die Antwort fand, gefreut hat, und vielleicht wirdman geneigt sein, als Parallele zu den Primitiven unsere Kinder heran-zuziehen, die sich mit der Geschichte von dem Storche, der sie gebrachthat, zufrieden geben; keineswegs aber dürfen wir außer Acht lassen,daß der Priester oder Medizinmann die Fragen, die ihm seine Stammes-angehörigen stellten, nur auf der Basis der primitiven Gemeinschafts-anschauungen beantworten konnte. Der fiavng xal legeiig mußteerfinden, mußte, oft in einem Augenblicke, ein Gebäude errichten,und dieses Gebäude durfte kein Luftschloß, der Grund, worauf esruhte, mußte vorhanden sein.So wie in den Platonischen Dialogen",

4 Prager Deutsche Studien, Heft 45.