Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
48
Einzelbild herunterladen
 

48 Unechtheit der afrikanischen Natursagen.

Also: es sind nicht mehr die Menschen, die die Leichtfertigkeit begehen,das unschätzbare Gut einem Tier anzuvertrauen, sondern der Gottselber tut es wie in so vielen afrikanischen Natursagen, die wir ausFrazers Wiedergabe kennen.

Sabinus nun war der Lieblingsschüler und Hausgenosse Melanthons,und dieser gab ihm seine Tochter zur Frau; Camerarius durfte sichder innigsten Freundschaft Melanthons rühmen und schrieb auchdessen Biographie. War es also Melanthon, dem die auch unterein-ander herzlich Befreundeten die Kenntnis der griechischen Natursageverdankten ? Wenn er sie etwa in einem Kolleg behandelt hater flocht derlei Geschichten gern in seine Vorlesungen ein*), soist sie Hunderten von Theologen nicht nur aus deutschen Landenzur Kenntnis gekommen, und einer neuen mündlichen Verbreitungwar ein mächtiger Anstoß gegeben. Und wer kann sagen, wievielliterarische Bearbeitungen der Mythos in den seither verflossenenJahrhunderten gefunden hat? Welcher Mythologe kennt heute dieSchriften des einst so berühmt gewesenen Philipp Buttmann ? Frazerwenigstens kennt sie nicht, sonst hätte er sich wohl Buttmanns 1804in der Neuen Berlinischen Monatsschrift veröffentlichte ArbeitÜberdie beiden ersten Mythen der Mosaischen Urgeschichte" zunutze ge-macht (wiederabgedruckt in dem Mythologus, I, 122152), wo Butt-mann die griechische Natursage nach der durch den Scholiastenüberlieferten Fassung der Kophoi erzählt, nicht ohne sie mit denDarstellungen Ailians und Nikanders in Einklang gebracht zu haben,und dann sagt: ,,Es ist einleuchtend, daß die Mosaische Fabel vomSündenfall, besonders ihr Ausgang, mit den angeführten Apologenin einerlei Gattung gehört."

Frazers Arbeit ist also vielleicht in dem Sinne, wie sie beabsichtigtwar, zwecklos gewesen: der ogygische Mythos Griechenlands hättefür die Verquickung des Unsterblichkeitsglaubens mit der Schlangeund demgemäß auch für die Beurteilung des biblischen Kapitels vondem Sündenfalle eine ganz andere Bedeutung gehabt, als die um mehrals zweitausend Jahre später bei afrikanischen Völkern aufgezeichnetenNatursagen, und hätte Frazer seine Untersuchungen auch auf Sophoklesaufgebaut statt nur auf die verballhornten Neubildungen, so wäreer wohl zu ganz andern Ergebnissen gekommen, vielleicht zu denselbenwie Buttmann, der nichts von den Negersagen wissen konnte, dieübrigens damals, wenn sie schon irgendwo existierten, ihrem griechi-schen Vorbilde noch ähnlicher gewesen sein mochten als heute. Trotz-dem haben wir dem großen Gelehrten dankbar zu sein: gerade underst die wissenschaftliche Untersuchung der Negersagen hat ihrenZusammenhang mit dem griechischen Mythos gezeigt, ja ihre Ab-hängigkeit von ihm, also ihre Unechtheit erweisen helfen. AndrewLang nennt die Version der Hottentottendie schönste aller primitivenNatursagen" (Myth, Ritual and Religion, I, 129), und Gedeon Huetfindet in ihrune tournure philosophique qui interesse l'homme"

*) Johannes Manlius sagt auf dem Titelblatt und in der Vorrede seinerzuerst 1562 erschienenen Geschichtensammlung Locorum communium collectanea,sie beruhten zum Teil auf Exzerpten aus Melanthons Vorlesungen, und diesenennt er unter seinen Quellen zuerst.