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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die griechische Sage und die Negersagen. 47

fährt fort: Ich bin übrigens keineswegs der Verfasser des Mythos;vor mir haben ihn Sophokles der Tragödiendichter, Deinolochos derGegner von Epicharmos, Ibykos der Rhegier und die Komödien-dichter Aristeias und Apollophanes erzählt.

Von allen diesen Fassungen, die Ailian anführt, ist nur die ausden Kophoi von Sophokles erhalten, zwar nicht im Wortlaut, aberin einer Inhaltsangabe, die der Scholiast Nikanders (zu Theriaka,v - 343 *) beibringt; diese Version, die nicht von einer SchlangenartDipsas spricht dixpfjv heißt dürsten, sondern die Gattungs-bezeichnung ö<pig gebraucht, deckt sich ansonsten mit der Ailians,und nur der Schluß ist anders: Seither verjüngen sich alle Schlangen(ndvreg ol öcpeig), indem sie das Alter ausziehen; die Schlange aber,die die Hüterin der Quelle gewesen ist, hat der Durst gepackt, undden teilt sie nun allen von ihr Gebissenen mit.

Genau so, also vielleicht nach Sophokles, erzählt der Text derTheriaka (ed. O. Schneider, 1856, 240 f.; das Scholion steht im An-hang, 28), nicht ohne daß einleitend bemerkt würde, das sei ein uralterMythos, den sich die Jugend erzähle, während der Scholiast nocheine Fassung kennt, die zwar ebenso schließt wie die von Sophoklesund Nikander, aber nicht mehr an den Prometheischen Feuerraubanknüpft, sondern so beginnt: Die Menschen, heißt es, baten einstdie Götter, ihnen Jugend zu geben, auf daß sie nie alterten. Als siesie erhalten hatten, gaben sie sie dem Esel zu tragen usw.

Und nun rufe man sich die Sage der Galla, die einzige von allenafrikanischen Sagen, die in unserm Sinne vollständig ist, ins Gedächtniszurück: ersetzen wir in ihr den hungrigen Vogel durch den dürstendenEsel, so ist sie mit der griechischen Natursage sozusagen identisch.

Diese ist natürlich nach der Wiedererweckung des klassischenAltertums auch weiterhin nacherzählt worden: Lodovico Ricchieriaus Rovigo, der sich Coelius Rhodiginus nannte (fi52o), hat sie indie Antiquae lectiones übernommen (1. XXV, c. 33; Ausg. 1666, 1428),Natale Conti 1551 in die Mythologiae libri X (1. IV, c. 6; Ausg. 1581,208 f.), und aus diesen ist sie in die Enzyklopädien Zwingers undBeyerlincks übergegangen, Valeriani hat sie übernommen (zit. Aus-gabe 139) und Gilbert Cousin gleich zweimal (zit. Ausf. 80 und 122),Joachim Camerarius hat sie in seiner zuerst 1538 erschienenen Fabel-sammlung bearbeitet (Ausg. 1544, 291: Serpen tum renovatio), unddiese hat mehr als ein Dutzend Auflagen erlebt, so daß für die Ver-breitung der griechischen Natursage mehr als genug gesorgt war.Sehr merkwürdig ist die Form, die ihr Georgius Sabinus gegeben hat(ich habe das Original nicht zur Hand, sondern zitiere nach O. Melander,Jocoseria, III, 1617, 103; in den frühern Ausgaben fehlt das Stück):Zu Beginn hält sie sich anscheinend an die Darstellung der Theriaka,dann aber wird Juppiter mitleidig, als er so viele Jünglinge sterbensieht, und er erklärt, jede Bitte der Menschen erfüllen zu wollen; siebitten um die ewige Jugend, und:

Audiit ille preces, tardumque vocat asellumquo senior Bacchi vectus alumnus erat;

cuius in ignavo pulcherrima munera tergoad nos mortales ille ferenda dedit.