46 Eine griechische Natursage.
wenn wir sie auch unter den Semiten fänden. Die Geschichte desSündenfalls in dem dritten Kapitel der Genesis scheint eine abgekürzteVersion dieses wilden Mythos zu sein; wenig nur fehlt, um ihre Gleich-artigkeit mit ähnlichen Mythen, die heute noch von Wilden in vielenTeilen der Erde erzählt werden, zu vervollständigen. Die hauptsäch-lichste, fast die einzige Auslassung liegt in dem Schweigen des Erzählersüber den Umstand, daß die Schlange von der Frucht des Lebensbaumesgegessen und so die Unsterblichkeit erlangt hat, und es ist keineswegsschwierig, diese Lücke zu erklären. Die rationalistische Ader, dieschon durch den hebräischen Schöpfungsbericht läuft und ihn manches
frotesken Zugs entledigt hat, der die entsprechende babylonischeÜberlieferung schmückt oder entstellt, konnte kaum verfehlen, auchin dieser Unsterblichkeit der Schlange einen Stein des Anstoßes zufinden, und den hat der Redaktor der Geschichte in ihrer Schlußformdem Gläubigen aus dem Wege geräumt, indem er alles darauf Bezüg-liche einfach tilgte. Die gähnende Kluft aber, die diese Tilgung zurück-ließ, ist den Kommentatoren nicht entgangen: vergebens sahen siesich nach der Rolle um, die der Baum des Lebens in der Erzählunghätte spielen sollen. Ist meine Erklärung der Geschichte richtig, soist es, nach Jahrtausenden, der vergleichenden Methode vorbehaltengewesen, die weißen Flecken in dem alten Gemälde zu füllen und inall ihrer primitiven Reinheit die grellen barbarischen Farben wieder-herzustellen, die die geschickte Hand des hebräischen Künstlers ge-mildert oder gelöscht hat."
Es besteht kein Anlaß, zu der These des großen Folkloristen undMythologen über den ursprünglichen Inhalt des biblischen Berichtesüber den Sündenfall Stellung zu nehmen; als wesentlich aber undfür den englischen Gelehrten sicherlich überraschender als ein Fundauf semitischem Boden betrachten wir die Existenz einer Natursage,die denen der Neger gleicht, bei den alten Griechen. Ailian führtnämlich bei dem Kapitel liege zrjg diydäog xov t,wov (De nat. anim.,VI, 51) folgenden Mythos an, wie er sagt, nur, damit man nicht glaube,er kenne ihn nicht: .
Man sagt, Prometheus habe Hephaistos das Feuer gestohlen,und darüber, sagt der Mythos, hat sich Zeus erbost und die Angeberdes Diebstahls mit einem Mittel zur Abwehr des Alters*) belohnt.Dieses luden dann die Empfänger, wie ich vernehme, dem Esel aufund schickten ihn mit der Last weg, und es war Sommerszeit, undder Esel ging, um seinen Durst zu stillen, zu einer Quelle; die Schlangeaber, die diese hütete**), wies ihn weg und verjagte ihn, und in seinerQual bot er ihr als Gegengabe für den Trunk das Mittel an, das ertrug. Also wird das Geschäft gemacht: er trinkt, sie zieht das Alteraus, und damit übernimmt sie auch von ihm den Durst. Und Ailian
*) 4'dgßaxov yijQcoe anvvxrjQiov. Der sofort zu erwähnende Sophokles hat<pdQ/iaxov dyrjQaatae, und das übersetzt (warum?) O. Crusius „das KräutleinNimmer-alt", wie er denn auch weiterhin von einem Krautbündel spricht (Auf-sätze, E. Kuhn zum 70. Geburtstage gewidmet, 1916, 314).
**) Diese Stelle und die ihr in den folgenden Parallelen entsprechendensind den Verweisen anzufügen, die E. Küster, Die Schlange in der griechischenReligion und Kunst, 1913, 156! beigebracht hat.