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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die biblische Erzählung von dem Sündenfall. 45

sie alt wurden, ihre Haut ab. Einmal ging nun ein Weib zum Flusse,um ihre Haut zu wechseln, und sie bemerkte, wie sich die abgestreifteHaut an einem Baumstrunk verfing. Als sie dann nach Hause kam,wollte ihr Kind sie nicht kennen und sagte, seine Mutter sei eine alteFrau und sehe ganz anders aus als diese junge Fremde. Da holte sieihre alte Haut zurück und zog sie wieder an. Und seit dieser Zeitwerfen die Menschen die Haut nicht mehr ab und sterben.

Bei den Arawak in Britisch-Guayana ist der Schöpfer auf dieErde gekommen, um nachzusehen, was die Menschen machten; dieseaber wollten ihn in ihrer Schlechtigkeit töten, und so nahm er ihnendas ewige Leben und gab es den Tieren, die ihre Haut erneuern.

Die Wafipa in Ostafrika erzählen: Gott kam herab zur Erde undsagte, sich an alle Lebewesen wendend:Wer will unsterblich sein?"Unglücklicherweise schliefen die Menschen allesamt, und von den Tierenwar nur die Schlange wach, und die rief: ,,Ich!" Darum stirbt vonallen Geschöpfen nur die Schlange nicht; die wechselt alle Jahre ihreHaut und erneuert ihre Jugend; sie stirbt nur, wenn sie getötet wird.

Aus dieser Sagenreihe erschließt Frazer eine alte Idee einer ge-wissen Eifersucht der Menschen auf die ihre Haut abwerfenden Tiere;in allen solchen Fällen wäre von einem Wettstreit zwischen demMenschen und seinen tierischen Rivalen erzählt worden, wobei derSieg durch Trug oder Verwechslung den Tieren zufiel und diese dieUnsterblichkeit erlangten, der Mensch aber zum Tode verdammt wurde.

Der dritte Abschnitt in Frazers Darstellung, der der Geschichtegilt, die das Motiv der verkehrten Botschaft mit dem der abgeworfenenHaut verbindet, bringt folgende Sage der Galla in Ostafrika: Gottschickte den Vogel Holawaka oder Gottesschaf zu den Menschen,auf daß er ihnen bestelle, sie brauchten nicht mehr zu sterben, sondernsollten, wenn sie alt und schwach würden, ihre Haut abstreifen undso ihre Jugend erneuern. Der Vogel war auf seinem Wege noch nichtweit gekommen, als er eine Schlange traf, die ein Aas verzehrte, under sagte zu ihr:Gib mir etwas Fleisch und Blut, und ich will dirGottes Botschaft sagen"; nach einigem Zögern willigte die Schlangeein, und so erfuhr sie die Botschaft. Seither altern die Menschen undsterben, die Schlangen aber schlüpfen aus ihrer Haut und erneuernihre Jugend. Es folgen noch zwei Erzählungen, eine melanesischeund eine aus Annam Frazer hat sie übrigens, ebenso wie die erste,schon in The Scapegoat zitiert (1913, 302 f.), aber sie bieten be-deutend weniger Interesse; in beiden vertauscht der zu den Menschenund zu den Schlangen geschickte Bote, was er zu sagen hat, so daßdie Schlangen in den Besitz des den Menschen ZAigedachten Geschenkesgelangen. Desto wichtiger ist das Schlußwort Frazers; darin heißtes, nicht ohne Wiederholung von früher Gesagtem:Menschen, dieihren Unsterblichkeitsglauben an das Hautabwerfen von Schlangen,Eidechsen usw. knüpfen, erblicken in diesen Tieren gehaßte Rivalen,die uns der uns von Gott oder der Natur zugedachten Erbschaft beraubthaben; demgemäß erzählen sie Geschichten, um zu erklären, wie esgekommen ist, daß es so niedrige Geschöpfe verstanden haben, unsum dieses unschätzbare Besitztum zu bringen. Geschichten dieserArt sind in der Welt weit verbreitet, und es wäre nicht überraschend,