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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die biblische Erzählung von dem Sündenfall. 43

In dem 2. Kapitel seiner Folklore of the Old Testament (1919,I, 4577) beschäftigt sich Sir James George Frazer mit dem biblischenBerichte von dem Sündenfall der ersten Menschen, und da spricht erdie Meinung aus, die ursprüngliche Erzählung habe etwa folgendesSchema gehabt: Der Schöpfer hat, um sein Werk zu krönen, unsernVoreltern das Geschenk der Unsterblichkeit zugedacht gehabt, aberdie Entscheidung über Annahme oder Ablehnung ihnen überlassenwollen. Darum pflanzt er mitten in den Garten zwei Bäume: dieFrüchte des einen bergen den Tod, die des andern das ewige Leben.Dann schickt er die Schlange zu dem Manne und dem Weibe mit derBotschaft:Eßt nicht von dem Baume des Todes, sonst müßtet ihrsterben; sondern eßt von dem Baume des Lebens, auf daß ihr ewiglichlebet." Die Schlange aber richtet die Botschaft umgekehrt aus, undso ißt das Weib von der Todesfrucht und gibt davon auch demManne zu essen; die Schlange aber ißt von dem Lebensbaum.Daß dies wirklich so oder ähnlich sei, daß also der Mythos von demSündenfall ursprünglich die Erklärung gebracht habe, warum dieMenschen sterblich sind, die Schlangen jedoch, die alljährlich ihreHaut abwerfen und so ihre Jugend erneuern, unsterblich, will SirFrazer an der Hand einer großen Zahl von Natursagen beweisen,die er in drei Gruppen teilt.

In der ersten, die erDie Geschichte von der umgekehrten Bot-schaft" nennt über sie haben schon Edward B. Tylor (PrimitiveCulture, 1871, I, 320) und Dähnhardt (III, 22) gehandelt, findenwir unter andern folgende Natursagen:

Die Namaqua, ein Stamm der Hottentotten, erzählen: Einmalbetraute der Mond den Hasen mit der Überbringung einer Botschaftan die Menschen, die lautete:So, wie ich sterbe und wieder auf-erstehe, so sollt auch ihr sterben und wieder auferstehen." Der Haseaber verkehrte die Botschaft in ihr Gegenteil:So, wie ich sterbeund nicht auferstehe, so sollt auch ihr sterben und nicht auferstehen."Zur Strafe warf der Mond einen Stock nach dem Hasen, und derStock spaltete ihm die Lippe, und er entfloh; vorher aber zerkratzteer noch dem Monde das Gesicht, und die Spuren davon sieht mannoch heute in hellen Nächten.

Bei den Buschmännern hat der Mond zu den Menschen gesagt:So, wie ich sterbe und wieder auflebe, so sollt auch ihr tun; wennihr sterbet, so sollt ihr nicht für immer sterben, sondern wieder auf-leben." Ein Mensch nun wollte das nicht glauben: als seine Mutterstarb, klagte er laut um sie, und niemand konnte ihn überreden, daßsie wieder aufleben werde. Es kam zu einem Streite zwischen ihmund dem Monde, und schließlich schlug ihn der Mond ins Gesicht undverwünschte ihn, fortan ein Hase zu sein; und weiter bestimmte derMond wegen dieses einen Menschen, daß die ganze Menschheit sterbenmuß. Frazer fügt bei:Dies mag eine ältere Form der hotten-tottischen Version sein."

Eine Sage der Nandi in Britisch-Ostafrika geht so: Zu den erstenMenschen kam ein Hund und sagte zu ihnen:Die Menschen werdensterben wie der Mond, aber ihr werdet nicht so wie er zum Lebenzurückkehren, es wäre denn, ihr gebt mir Milch aus euerm Kürbis