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Versuch einer Theorie des Märchens
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42 Natursage und Legende.

und darum habe der Adler den Spruch gefällt, er solle weder diesesNest, noch jemals ein andres haben.

Eine merkwürdige Sage angeblich jüdischen Ursprungs wird beijüdischen und arabischen Schriftstellern von David und von Mohammederzählt: als sich der Fliehende in einer Höhle verbirgt, verwebt eineSpinne den Eingang, so daß die Verfolger getäuscht abziehen. Dähn-hardt sagt (II, 66), er habe keine literarische Überlieferung feststellenkönnen, wo dasselbe von Jesu erzählt würde, und auch ich kenne ausder Literatur nur die Legende, die Gabriele Reuter (Vom Kinde zumMenschen, 1921, 110) von dem Marienbaume berichtet, einer greisen-haften Sykomore in einem Gemüsegarten in oder bei Kairo, in derenHöhlung sich die hl. Jungfrau mit dem Jesuskindlein auf der Fluchtverborgen haben soll. Wohl aber ist älter als die älteste jüdischeFassung, die in dem Targum der Hagiographa, das nicht vor dassechste Jahrhundert n. Chr. gesetzt werden kann, die Legende vondem dem dritten Jahrhundert angehörenden hl. Felix von Nola, wiesie in einem der ihm gewidmeten Panegyriken des hl. Paulinusvon Nola (t 431) berichtet wird (Ruinart, 258). Trotz der großenZahl von Varianten weiß Dähnhardt nur drei, zwei maltesische undeine bulgarische, zu nennen, die aus der Legende eine Natursagegemacht haben, und ähnlich steht es mit einer andern Legende, desInhalts, daß auf einem Felde, an dem die hl. Familie auf der Fluchtvorbeikommt, das Getreide so rasch wächst, daß der Bauer dieunmittelbar darauf herankommenden Verfolger durch die wahre Aus-sage täuschen kann, seit der Zeit des Säens habe er Leute, wie diebeschriebenen, nicht mehr gesehen. Die älteste bekannte Form dieserLegende ist ein Mysterium, das 1431 in Paris gespielt und 1837 vonAchille Jubinal herausgegeben worden ist diese Daten stehenwenigstens bei Florimond van Duyse, Het oude nederlandsche Lied,III, 2096, angeführt zu flämischen Liedern, die er aus einem BerlinerManuskript des fünfzehnten Jahrhunderts und aus dem Suverlijcboecxken, Antwerpen, 1508 abdruckt (s. auch die Varianten 2099 f.und 2104 f.); auch hier ist die Anfügung des aitiologischen Schlussesdem Volksmunde vorbehalten geblieben. Wir zitieren noch M. GastersFeststellung (Studies, II, 1113), daß sich diese Legende in Frankreich,Spanien, Italien und Irland vorfinde, was auf katholische Verbreitunghinweise, nicht aber bei andern Nationen, ausgenommen die Rumänen,und ergänzen sie, indem wir außer der 69. der Volkserzählungen ausPalästina, hg. von H. Schmidt und P. Kahle, II, 1930, 9 f. noch dieVersion in G. Bergsträßers Neuaramäischen Märchen (1915, 46)anführen, deren Heldin, eine Art mohammedanischer Heiligen, trotz-dem eine Nachfahrin der hl. Maria ist.

Diese Tatsache, daß nämlich die volkstümlichen Versionen hinund wieder über ihre Quelle hinausgehen, daß oft gerade sie erst dieNaturdeutung anfügen, ist es, die uns bewogen hat, hauptsächlichliterarische Fassungen zu zitieren, bei denen solcherweise die Absicht,Vorgänge oder Tatsachen der Natur zu erklären, eine wesentlichandere Bedeutung hat, als bei Erzählungen aus dem Volksmunde;aber es hat dabei noch eine andere Erwägung mitgespielt.