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Versuch einer Theorie des Märchens
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Erklärung von Eigenschaften der Tiere. 4 1

Die Genesis sagt zwar, der erste Mensch sei aus dem Staube desAckerbodens gemacht worden, aber das war spekulativen Köpfennicht genug; man erfand die Schöpfung aus den vier Elementen, ausder Erde der verschiedenen Weltteile, und schließlich erklärtenarabische Theologen die verschiedenen Menschenrassen, indem sieGott zu dem Leibe Adams weißen, schwarzen und roten Staub nehmenließen (Dähnhardt, I, 112 f.). Überdies konstruierte man für besondereStände, um ihre Eigenheiten zu erklären, eigene Schöpfungsmythen;zur Reformationszeit häufen sich die Schwanke über die Erschaffungdes Mönches (s. Dähnhardt, I, 158 f., wo viel beizufügen wäre), und1526 erzählt, um zu der damals allgemeinen Verspottung der Bauerndas Seinige beizutragen, Teofilo Folengo (Orlandino, c. 5, st. 57): AlsChristus mit einigen Aposteln durch ein Dorf kam, bat ihn Petrus,aus dem herumliegenden Eselsdreck Menschen zu machen;Surge,villane," sagte der Herr.

Nach einem arabischen Märlein hat Iblis dem ersten Menschen,als der noch Erde war, auf den Leib gespuckt, aber der Esel nahm denSpeichel von dieser Stelle, die der Nabel ist, und aus der Erde, aufdie Iblis gespuckt hatte, wurde der Hund geschaffen (Qaljübi, Nawädir,übers, v. O. Rescher, 1920, 185; Basset, 1001 contes, III, 12); heutenoch erzählen die Türken dasselbe (Dähnhardt, I, 103). Aus ChristiSpeichel entsteht in Rumänien die Schnecke, die Fastenspeise derArmen (II, 107), in Makedonien wird aus dem Speichel Maria dieSeidenraupe (II, 247), der Speichel des Teufels verwandelt sich inIsland in die unnütze Qualle (I, 171 f.); eine ähnliche Erzählung aberhatte wohl auch Lorenzo de' Medici, genannt il Magnifico, im Sinn,als er den Auswurf eines seiner Beoni (c. 5, v. 64 f.) sofort nach derVereinigung mit der feuchten, warmen Erde zu einem Frosch werdenließ, der mit einem jähen Satze wegsprang.

Eine ganze Reihe von Natursagen erklärt besondere Eigenschaftender Tiere. Auf den Maulesel hat nach al-Abäihis Mostatraf (trad.G. Rat, 1899!, II, 238), wo der 1176 verstorbene Damaszener Ibn'Asäkir zitiert wird, Abraham den Fluch des Himmels herabgerufen,weil er ihm das Holz für Isaaks Scheiterhaufen zu rasch heranbrachte,und Gott strafte ihn mit Unfruchtbarkeit; in einer parallelen Sageaus dem Nivernais (Dähnhardt, I, 292) hat er dieses Schicksalerlitten, weil er bei dem Verlassen von Noahs Arche dem Hasen mitseinem Hufe den Schwanz abgeschlagen hatte. Der Talmud weiß(Sanhedrin, 108; Wünsche, II, 3, 272) als Grund der Colhgatio canumanzugeben, canem in Archa contra legem coisse, und dieselbe Traditionhaben die Araber (Qaljübi, 189). Daß der Kuckuck kein eigenes Nesthat, erklärt eine Sage aus Rügen (Dähnhardt, III, 177; s. II, 6 f.)mit der Angabe, ihm sei, als Gott jedem Tier die Wohnung angewiesenhabe, keine recht gewesen, und so irre er heute noch heimatlosumher; der Dialogus creaturarum hingegen erzählt (d. 46; Graesse,Die beiden ältesten lateinischen Fabelbücher des Mittelalters, 1880,189), die Vögel hätten einmal ein mit Rosen geschmücktes Nestgefunden und da habe der Adler gesagt, es solle dem edelsten Vogelgehören; auf die Frage nun, wer der schönste sei, habe der Kuckuckgerufen:Kuckuck!", auf die Frage, wer der tapferste:Kuckuck!",