40 Natursage und Mythologie.
flucht Agni, daß er keine Zunge, dem Elefanten, daß er die Zungeverkehrt, und dem Papagei, daß er keine Stimme haben solle, dochdie Götter mildern diese Flüche, so daß alles mit dem jetzigen Zustandstimmt; in ähnlicher Weise erzählen, viel später, Somadeva und al-Berüni (Wesselski im Arch. orient., I, 306 f.). In einem andern Mythos,den ich nur aus einer noch spätem Quelle kenne (Manucci, Storia doMogor, III, 11), verflucht der Gott Rudra die Distel, die ihn demGotte Brahman verraten hat, weshalb sie denn in seinen Tempelnnicht mehr geduldet wird; der naturdeutende Schluß ist zwar hier durchdie Deutung eines Ritus ersetzt, aber vorhanden ist er in den vielenchristlichen Parallelen, wo die Pflanze, die das sich auf der Fluchtverbergende Jesuskind verrät, auf eine Art bestraft wird, die eineihrer Eigenschaften erklärt (Dähnhardt, II, 58 f.). Das Po jü king,die von dem Inder Gunavrddhi 492 n. Chr. hergestellte chinesischeÜbersetzung des Werkes eines andern Inders, Samghasena mit Namen,berichtet, wie mit dem Schöpfer Brahman einer seiner Schüler wett-eifern will, anstatt eines Menschen aber nur etwas zustande bringt,das einem PiSäca ähnelt; der die Verschiedenheit der Arier von denUreinwohnern deutende Schluß — ich fasse Pisäca als den Nameneines vorarischen Volksstamms oder einer Kaste auf — ist wohl, wieJohannes Hertel ausführt (Ein altindisches Narrenbuch, 1912, 54),bei der buddhistischen Bearbeitung der Natursage gefallen, findetsich aber, mutatis mutandis, in den zahlreichen abendländischenVarianten, wo zumeist der Teufel der mit Gott Wetteifernde ist(Dähnhardt, I, 156).
Dieser Wettstreit steigert sich, immer noch auf dem Boden derSchöpfungsmythen bleibend, schier bis zur Unerträglichkeit in denzuerst 1556 erschienenen Hieroglyphica von Giovanni Pierio Valeriana(1. XIII, c. 38; Ausg. 1621, 134 f.), wo zweierlei „Mythologi" zitiertwerden. Die eine Schule läßt Valeriani so lehren: Apollo und dienoch in jungen Jahren stehende Hekate sollen wetteifernd Lebewesenschaffen und die Erde bevölkern. Apollo bringt den Menschen hervor,Hekate den Affen, Apollo dann den Löwen, Hekate die Katze undschließlich Apollo die Maus. Erbost, weil stets von den andernGöttern verspottet, hetzt Hekate den Affen auf den Löwen und dieKatze auf die Maus; der Affe heftet sich an das Hinterteil des Löwen,und die Maus muß vor der Katze Reißaus nehmen. Um den seinenGeschöpfen solchermaßen angetanen Schimpf zu rächen, macht Apollodas Blut des Affen heilkräftig, sodaß es der Löwe seiner Gesundheithalber sucht*), und den Samen des Katers macht er so feurig, daßdie Katze, das wollüstigste Tier, bis zu jämmerlichem Schreiengepeinigt wird. Die andere Mythologenschule Valerianis setzt fürApollo und Hekate Sonne und Mond ein: die Sonne erschafft denLöwen, der Mond die Katze, die Sonne die Maus, der Mond denAffen; der allgemeine Spott aber ärgert den Mond so, daß er ewigeFeindschaft zwischen Löwen und Affen ebenso wie zwischen Katzeund Mau s stiftet.**)
*) S. M. Wellmann, Der Physiologos, 1930, 72.
**) Nach Valeriani erzählt Gilbertus Cognatus oder Gilbert Cousin inder Narrationum sylva, 1567, 100 f.