Natursage und Mythologie. 39
der Erzählung an sich, für die Erkenntnis des Verhältnisses derEinfachen Formen untereinander und zu den Kunstformen sind sie,weil in dem Augenblicke, wo sie aufgezeichnet werden, die Entwicklungabbricht — auch wenn es kein Missionar ist, der sie der Mitwelt über-liefert —, so gut wie wertlos: die Mythen, die sich schließlich ausihnen herausgebildet hätten, können wir kaum ahnen, während unsdort, wo wir die Mythen kennen, der Keim fehlt, aus dem sie in lang-samem Wachstum entstanden sind. Diese primitiven Erzählungenmußten sich, weil jede Antwort neue Fragen aufwarf — wennder Strauß die Menschen gemacht hat, wer hat dann den Straußgemacht ? —, nacheinander totlaufen, allerdings im Tode noch zeugend,und das mußte so lange dauern, bis man sich endlich auf einen An-beginn der Dinge geeinigt hatte, der jeder weitern Frage eine Grenzesetzte oder den, der eine solche Frage anders als mit einem achsel-zuckenden Non liquet beantwortete, zu einem Menschen werden ließ,der sich über die allgemeine Konvention hinwegsetzte, zu einemKetzer, zu einem Freigeist. So weisen denn auch die Dokumentedieser Gattung, die in die größte derartige Sammlung, in die vonOskar Dähnhardt begonnenen und von August von Löwis of Menarzu einem vorläufigen Abschluß gebrachten Natursagen (1907—1912),aufgenommen worden sind, zum großen Teile schon eine innere Festi-gung ihres mythischen Inhalts auf und harmonieren dergestalt mit denen,die auf dem Boden der griechisch-römischen Mythologie, des Juden- unddes Christentums, des Islams und der indischen Religionen entstandensind; bezeichnenderweise hat Dähnhardt die ersten zwei Bände nachdem Alten und dem Neuen Testamente benannt. Versuchen wir unseinigermaßen Klarheit zu verschaffen, wie sich die Natursage zu denMythologien und den Legenden verhält.
Aus Ovid und andern Schriftstellern kennen wir einige Natur-sagen des griechisch-römischen Altertums: der Mythos von Klytia,der Geliebten des Sonnengotts, erklärt, warum der violae simillimusflos sein Antlitz der Sonne zuwendet, und daß Zeus, der Alkyonein einen Eisvogel verwandelt hat, aus Mitleid mit diesem denWinden verbietet, in seiner vierzehntägiger Brutzeit zu wehen, solldie 'AXxvov'iöeq rifiigai begründen; in beiden Fällen aber tritt dieAbsicht, einen Vorgang in der Natur zu deuten, fast völlig in denHintergrund, und das Deutende ist wohl nur gleichsam als Bekräf-tigung des sonst Erzählten angefügt worden. Besonders interessantist in dieser Hinsicht der Mythos von den Schwestern Prokne undPhilomele, die dem Gatten der einen und Liebhaber der andern seinenSohn Itys zu essen geben: hier hat, was Jahrhunderte vor Christusbegonnen worden ist, erst die Neuzeit beendigt, indem sie dem sograusam Bestraften und in einen Vogel Verwandelten den Ruf „Itso,Itso!" in den Mund legte, um eine Vogelstimme zu deuten (Politisbei Dähnhardt, III, 381).
Den Mythos von der Flucht Agnis, des Feuergottes, und vonseinen Verstecken in den Wassern und den Hölzern kennt schon dievedische Literatur, aber im Mahäbhärata (XII, 84, 58 f.) wird über-dies geschildert, wie seine Verstecke jeweils den Göttern durch denFrosch, den Elefanten und den Papagei verraten werden: dem Frosche