3$ Beispiele aitiologischer Erzählungen.
Kausalität auftauchte, der Gedanke, daß das, was ist, einen Grundhaben müsse, zu sein und so zu sein, wie es sich darstellt. Es magja für die Leute, denen aus dem Rufe der Klugheit und des Wissens,den sie genossen, oder aus dem Amte, das sie bekleideten, wie dieKönigs- oder die Priesterwürde, trotz der Naivität der Wißbegierigennicht immer leicht gefallen sein, Fragen zu beantworten, wie warumdieses Tier dem Menschen feind sei und jenes nicht, warum derKuckuck Kuckuck rufe, warum es zwei Geschlechter gebe, woher dasFeuer stamme, wieso dieser Fels eine absonderliche Form habe, warumder Mond kleiner und dann wieder größer werde, wo die Sonne in derNacht sei, woher die Erde komme samt allem, was auf ihr kreuchtund fleucht. Da galt es nicht nur zu erfinden, sondern glaubhaft zuerfinden; der Gefragte, der selber mitten in der Gemeinschaft lebte,der selber nicht viel mehr kannte als die einfachsten Tatsachen undAnschauungen des Gemeinschaftslebens, hatte Menschen zu antworten,die auf derselben Entwicklungsstufe standen, und so konnten sichdie Erzählungen, die konstruiert werden mußten, um unbegriffeneund unbegreifbare Vorgänge und Tatsachen zu erklären, auf nichtsandres stützen, als auf die dem Fragenden und dem Gefragtengemeinsamen Prämissen.
Es seien ein paar Beispiele solcher aitiologischer Erzählungengegeben, entnommen den Mythes et legendes d'Australie von Arnoldvan Gennep (1906):
Bevor es Menschen gab, waren Wesen da, die wie Menschen ohneGlieder waren. Muraurai (eine kleine Straußenart) hat aus ihnen Männerund Frauen gemacht, indem er ihnen die Beine spaltete, die Arme vondem Rumpfe trennte, die Hände, um Finger zu machen, spaltete usf.Der erste Mann ist mit dem Gummi der Mimose gemacht wordenund aus einem Knoten der Mimose gekommen und ist in den Leibeiner jungen Frau eingedrungen, und dort ist er in Gestalt einesKnaben herausgekommen.
Die Sonne ist eine Frau, die, wenn sie schlafen geht, durch dasLand kommt, wo die Toten weilen. Je näher sie ihnen kommt, destomehr Menschen versammeln sich; dann trennen sie sich in zweiGruppen, so daß sie dazwischen einen Durchgang lassen. Sie ladendie Sonne ein, bei ihnen zu bleiben, aber sie kann das Angebot nurfür kurze Zeit annehmen; denn am nächsten Morgen muß sie zur Rück-kehr bereit sein. Für die Dienste, die sie einigen dieser Toten geleistethat, erhält sie das Fell eines rqten Känguruhs; darum ist sie miteinem roten Kleide bekleidet, wenn sie am Morgen zurückkommt.Im Anfange öffnete sich die Erde mitten in dem See Perigundi,und heraus kam ein Totem nach dem andern: der Rabe, der Papagei,der Strauß und so nacheinander. Da sie noch unvollständig gestaltetund noch ohne Glieder und Sinneswerkzeuge waren, legten sie sichauf die Dünen, die damals wie heute den See umsäumten. Als sie soin der Sonne lagen, wuchs ihre Kraft und Stärke, und schließlichstanden sie als richtige Menschen auf und gingen nach allen Richtungen.Erzählungen dieser Art haben genau so, wie Aufzeichnungen vonSitten und Brauchtümern, einen unschätzbaren Wert für die Er-forschung der Genesis volkstümlicher Anschauungen; für die Historie