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36 Die Wurzeln des Traums.
Kinder der Menschen stählen und an ihrer Statt die eigenen scheuß-lichen Kinder in die Wiege legten, hätten ihren Ursprung in Angst-träumen der Wöchnerinnen (73 f.). nat Von der Leyen selber zurück-gezogen, indem er sie in der dritten Auflage seines Buches getilgt hat;dort schwächt er ja auch sonst manches ab, aber die Traum-These istsamt einer reichlichen Zahl von Anwendungen geblieben, und diese sindsogar stellenweise vermehrt worden. Bei der Besprechung des „Mär-chens" von Amor und Psyche wird 1911 (99) nur das Motiv von demverschwundenen Geliebten ausdrücklich als Traummotiv bezeichnet,und die unlösbaren Aufgaben und die Fahrt in die Unterwelt sindan anderer Stelle unter den Traummotiven behandelt; 1925 aber (108 f.)werden „in Traummotive zurückverwandelt" das übertretene Verbot,die Bedrohung mit der Ehe mit einem schlimmen Unhold, das Schwebenauf den Fittichen des Zephirs in die Tiefe, das nächtige wunderreicheLeben im Palast, die Qualen nach dem Verluste des Geliebten, diemühseligen Wanderungen, das befreite Aufblicken am Ende. Nun,ein Zurückverwandeln der Märchenmotive in Traummotive (41; 3 58)ist schlechterdings unmöglich: Ciceros Satz „Nihil tarn praepostere,tarn incondite, tarn monstruose cogitari potest, quod non possimussomniare" muß auch in seiner Umkehrung stimmen; Gegenständedes Traums können nur Wirklichkeiten sein, gleichgültig, ob sie Tat-sachen oder vermeintliche Tatsachen sind, ob sie uns die Sinne ver-mittelt haben oder ob sie ihr Dasein einem Denkprozeß verdanken.Gestalten, wie die Sirenen und die Harpyen, die Sphingen und dieKentauren, der Greif, die Slmurgh, der Rokh und der Garuda, kanndie Phantasie nur erzeugen, indem sie Bekanntes verquickt, dasselbegilt auch für die Vorstellung und die Schilderung eines Himmelreichsoder eines Schlaraffenlandes, und auch Gott und die Götter habenwir uns nach unserm Bilde geschaffen. Es ist nicht so, wie Von derLeyen sagt (35; 3 53), daß derselbe Traum ebenso gut im zwanzigstenJahrhundert vor Christus wie im zwanzigsten Jahrhundert nachChristus geträumt werden könnte oder hätte geträumt werden können,sondern die Traummotive, um das Wort beizubehalten, ändern sichmit dem Kultur- oder Zivilisationsstand des Träumers: das christ-liche Himmelreich sieht anders aus als das der Mohammedaner, undsollte das Schlaraffenland heute erfunden werden, so würde es andersausfallen als im Altertum und im Mittelalter; von dem elektrischenLichte, den Röntgenstrahlen, dem Radio hat noch vor kurzer Zeitniemand träumen können, und auf einen Traum, der den dreidimen-sionalen Raum verließe, wird die Menschheit noch lange warten müssen.Es heißt das Pferd beim Schwänze aufzäumen, wenn man glaubenmachen will, Angstzustände, wie sie des Blaubarts Frau erlebt, alssie den Blutfleck vergeblich von den Schlüsseln wegzuwischen ver-sucht, wären zuerst im Traum erlebt worden, und die vergeblicheMühe, von einem Zauberbaum Früchte zu pflücken, beruht, wennsie geträumt worden ist, sicherlich auf Märchen oder Mythen vonQualen, wie sie etwa Tantalus erleidet. Wer ein Märchenmotiv ernst-lich durch einen Traum erklären wollte, hätte zuerst zu erklären, wiedie Grundlagen für das Motiv in den Traum geraten sind; denn: Nihilin intellectu, quod non antea in sensu.