Die Erklärung von Motiven aus dem Traume. 35
ubi es ?" aus dem Bauche des Knechts die Antwort: „Adsum, adsum!"(Thomas Cantipratanus, Bonum universale de apibus, II, i, 10; Duaci,1627, 17). Man braucht sich nur vorzustellen, die Elster sei erst bis zurHälfte gegessen gewesen und die Frage des Dominikaners, der übrigensauch eine historische Person ist (f 1235; s. B. M. Reichert, Vitaefratrum Ordinis Praedicatorum, 1896, 21), habe etwa gelautet: „Füße,wo seid ihr?", so hat man eine vollständige Parallele zu dem Märchen-motiv von den antwortenden Leichenteilen. Daß das aber genügenwürde, um daraus einen genetischen Zusammenhang der zwei jeden-falls verwandten Motive, dem des Märchens und dem der Legende,abzuleiten, wird man doch nicht so ohne weiteres behaupten dürfen.
Diese Schwierigkeit, gewisse Motive auf primitive Anschauungenzurückzuführen, hat den merkwürdigen Versuch gezeitigt, ihre Ent-stehung aus dem Traume zu erklären; der erste, der diesen Versuchangestellt hat, war Ludwig Laistner — er tat es in dem zweibändigenWerke Das Rätsel der Sphinx (1889) —, aber seine Theorie hat zwanzigJahre später eine wesentliche Erweiterung erfahren. „Der primitiveMensch ist abergläubisch, denkfurchtsam und denkfaul und glaubtdaher seine Träume sofort . . . Außerdem trennen sich bei ihmWirklichkeit und Traum nicht so deutlich wie bei uns . . . Natürlichgibt es auch unter den primitiven Menschen besonders lebhafte odersonderbare Träume. Werden diese nun erzählt, steigern sie sich durchfortgesetzte Wiedererzählung, so geraten sie von selbst ins Groteskeoder Wunderbare oder dichterisch Gehobene. Allmählich verliert sichauch die Erinnerung an ihre Herkunft aus Träumen, und sie verwan-deln sich unmerklich in Motive der Dichtung. Das gilt wohl schonfür die ältesten, und das gilt erst recht für die späteren Zeiten . . .Manchmal tragen auch die Märchen . . . noch Kennzeichen, die unsuntrüglich zeigen, daß bestimmte Motive aus Träumen entstandensein müssen." So Friedrich von der Leyen, Das Märchen, 1911, 34 t.;3. Aufl., 1925, 51 f.; vorher in Herrigs Archiv, CXIII, 254.
Aus den Beispielen, die Von der Leyen gibt, wählen wir eines,das ein schon von uns besprochenes Motiv betrifft. Er erwähnt denBericht eines deutschen Arztes, der lange in Persien lebte, über dieVisionen und Sinnestäuschungen eines von Haschisch Berauschten:„Ein kleiner Stein im Wege erscheint ihm als ein gewaltiger Fels-block, den er mit hocherhobenem Bein zu überschreiten sucht, einschmales Rinnsal als breiter Strom, er begehrt ein Schiff, das ihnans Ufer trage", und will daraus das Motiv von den auf der Fluchtausgeworfenen Gegenständen ableiten (45 t., 115 f.; 3. Aufl., 62 f., 124;Archiv, CXIII, 266, CXV, 285 f.); hätte er Saxos Bericht über dieSinnestäuschungen gekannt, die die Lappen hervorzubringen ver-standen, wäre er wohl nicht der Versuchung unterlegen, den Traumvor die Wahrnehmung zu setzen. Wäre es anderseits richtig, daßdie Sage von dem Gottesdienst der Toten „nur ein Traum geschaffenhaben kann" (73; 3 82: „wird der Traum geschaffen haben"), so müßtenauf Träume auch all die andern Sagen und Märlein zurückgehen, woTote wie Lebende handeln, das Recht auf ihr Eigentum vertreten,zum Mahle einladen usw. Die Behauptung andererseits, die Sagen vonden Wechselbälgen, daß nämlich Kobolde und Wassergeister die hübschen