Übergänge zwischen Wahn- und Wundermotiven. 33
Selbstverständlich können die Grenzen zwischen diesen zweieinander koordinierten Motivgattungen nicht so scharf gezogen werden,wie es die Einteilung in Gruppen eigentlich erheischen würde: eineAnschauung, die in einer Gegend Europas obsolet geworden ist, kannin andern europäischen Ländern oder in andern Teilen der Erde, auchin solchen, aus denen wir viel Märchengut eingeführt haben, nochwirksam sein, und so ist häufig ein Motiv, das in einem deutschenoder französischen Märchen in die Wundermotive eingereiht werdenmuß, im 'Iräq oder in Bengalen als Wahnmotiv anzusprechen; das-selbe kann natürlich, wiewohl viel seltener, umgekehrt zutreffen, sodaß ein Motiv, das auf einem irgendwo im europäischen Norden heimi-schen Wahn beruht, auf Sumatra als Wundermotiv zu gelten hat.Leider ist es weiter, trotz Andrew Lang und seiner so zahlreichenSchule, bisher nicht gelungen, auch nur für den Hauptstock der nurim europäischen Märchen gangbaren Wundermotive, die in Europaoder anderswo einmal Wahnmotive waren, die ihnen zugrunde liegendenalten Anschauungen zu finden, und doch wäre das absolute Not-wendigkeit, wenn die Frage nach der Herkunft eines dieser Motiveund damit vielleicht hin und wieder — hier hat man sich vor Über-schätzungen zu hüten — nach der Herkunft des ganzen Märchensauf diese Weise gelöst werden soll, zumal da sich gerade die Wunder-motive nur allzu leicht verschneiden und vermischen. Natürlich sinddie Wahnmotive geradeso wie überhaupt die Gemeinschaftsmotivein vielen Fällen polygenetisch, d. h., ihr Ursprung kann sich, freilichmeist auch nur zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Ortenergeben. Hier hat die Volkskunde, die allerdings dabei hauptsächlichEthnologie oder Völkerpsychologie zu sein hat, ein weites Arbeitsfeld,und es wird sicherlich Jahrzehnte dauern, bis in dieser Hinsicht einhalbwegs befriedigender und genügender Wissens-Standard erreichtworden sein wird; denn die Schwierigkeiten wachsen einerseits indem umgekehrten Verhältnis wie die Zahl der Belege, anderseits auchmit dieser Zahl, wenn es nämlich nicht von Haus aus klar ist, wo essich etwa um abgewandelte Formen des Motivs handelt.
Ein Beispiel: In seiner Arbeit über J. F. Campbell's Sammlunggälischer Märchen — sie stammen aus den westlichen schottischenHochlanden — hat Reinhold Köhler u. a. ein Märchen analysiert(Orient und Occident, II, 104 f.), das folgende Episode enthält: DieTochter eines Riesen, die mit dem ihr eben vermählten Gatten ent-fliehen will, zerschneidet einen Apfel in neun Teile; zwei davon legtsie zu Häupten ihres Bettes, zwei zu Füßen, zwei an die Küchentür,zwei an das Tor und einen vor das Haus. Fünfmal ruft der Riese,und fünfmal antworten anstatt seiner Tochter die Apfelstücke; endlichsieht er in dem Bette nach, aber da haben die Flüchtigen schon einenstarken Vorsprung. In einer andern schottischen Version sind esanstatt neun nur drei Apfelstücke, und deren Stelle vertreten in einerdritten Variante Kuchen. In einer vierten aber spuckt die Tochtervor ihr Bett, neben das Bett ihres Vaters und zum Haustor, und zweiÄpfel bringt sie über dem Bette des Vaters an, damit sie, wenn ererwacht, auf ihn fallen und ihn wieder einschläfern. Der Riese ruftdreimal, der Speichel antwortet dreimal, und zweimal erfüllen die
3 Prager Deutsche Studien, Heft 45.