32 Wahnmotive und Wundermotive.
hätte; an den Wundern seiner überlieferten Erzählungen übt derMorgenländer seine Kritik auch heute noch nicht, und der Europäertat und tut es an dem Märchen nur in der Form der auf das Vergnügenabzielenden Parodie, wie Wieland in den Abenteuern des Don Sylviovon Rosalva oder Sternberg in den Braunen Märchen.
Als ich seinerzeit jene Abhandlung über das Märchen nieder-schrieb, nannte ich alle Motive, die aus heute überlebten Anschau-ungen der Volkskindheit erwachsen sind, Mythenmotive; formal wardiese Bezeichnung richtig, aber trotzdem erscheint sie mir heute un-passend, weil sie wesentlich Verschiedenes zusammenfaßt. An dieWahrheit von Oskar Wildes Picture of Dorian Gray wird ja in demSinne, daß ihre Handlung möglich wäre, etwa ein Mädchen glauben,die gegebenen Falles das Bild des ungetreuen Geliebten mit Nadelndurchstechen würde, auf daß er selber sterbe; demselben Mädchenaber wird vielleicht der Märchenhekl, der das Wasser des Lebens holt,der der Gefahr mit Siebenmeilenstiefeln entrinnt, der sich unsichtbarmacht, indem er einen Ring dreht, dem ein Kater Reichtum und eineBraut schafft, schlechterdings unglaublich erscheinen. Die Fiktadieser Kategorie sind, wenigstens in Mittel- und Westeuropa, für denErwachsenen im allgemeinen Fikta; das Fiktum der ersten Kategoriekann noch von ganzen Volksgruppen als Faktum empfunden werden.Wir haben also die Motive, die ich seinerzeit Mythenmotive nannte,in zwei Gruppen zu teilen:
i. Motive, die auf noch nicht oder noch nicht lange allgemeinüberwundene Anschauungen zurückgehen und die daher hin undwieder heute noch ihre faktischen Entsprechungen in Brauchtumund Riten haben;\ 2. Motive, die .auf heute und schon seit langem vergessenen An-schauungen beruhen, so daß sie nur als poetische Fiktionen fortleben.
Mit der ersten Gattung, die ursprünglich schon in der Geschichteihren Ort hat, arbeitet in unsern Gegenden heute meist nur nochdie Sage, mit der zweiten im allgemeinen nur das Märchen, und esläge nahe, die der ersten Gruppe als Sagenmotive, die der zweitenals Märchenmotive zu umschreiben; leider aber sind diese Wörter,ohne daß man begriffliche Unterschiede machen würde, als ver-allgemeinernde Bezeichnungen im Gebrauche, die auch gewöhnlicheGemeinschaftsmotive einbeziehen, sind also in unserm Sinne einerreinlichen Scheidung unanwendbar. Die Schwierigkeit, richtige, demGegenstande in jeder Weise angemessene, alle Mißverständnisse aus-schließende Benennungen zu finden, ist, nicht nur in diesem Falle,groß, zumal da keines von den Wörtern, die man zur Auswahl hätte,eindeutig bestimmt ist; anderseits ist es, wenn schon nicht durchausnötig, so doch wünschenswert, daß sich dort, wo die Begriffe nichtfehlen, auch das Wort einstelle, und so werden wir uns mit Bezeich-nungen zufriedengeben müssen, die dem Begriffsinhalt, ohne ihnallerdings zu erschöpfen, wenigstens möglichst nahe kommen. InErwartung besserer Vorschläge also, die freilich nur gemacht werdenkönnten, wenn die Scheidung der Motive in diese zwei Gruppen Aner-kennung fände, seien die der ersten Gruppe Wahnmotive, die derzweiten Wundermotive genannt.