Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
31
Einzelbild herunterladen
 

Die höhere und die niedere Volksschicht. 3 1

einen Schwank aber, der sich über dieses Spiel lustig machen würde,hat noch keiner der Forscher, die darüber geschrieben haben, bei-gebracht. Das mit diesem hin und wieder gemeinsam auftretendeMotiv von den auf der Flucht ausgeworfenen Gegenständen könnteals Inhalt einer Geschichte erscheinen, wenn wir nämlich Saxo Gram-maticus glauben dürften Olaus Magnus hat es getan, und seinBruder Johannes ist nicht weit weg davon gewesen, daß die Finnenoder Lappen, als sie vor einem schwedischen Heere des sagenhaftenKönigs Frotho, des Sohnes Fridlews, flohen, zuerst drei Steinchenund dann Schnee hinter sich geworfen haben, wodurch sie den Ver-folgern das eine Mal drei Berge, das andere Mal einen mächtigen Flußvortäuschten (P. Herrmann, Erläuterungen zu den ersten neun Bücherndes S. G., 1901 f., I, 221, II, 372; Olaus Magnus, 1. IV, c. 15; JohannesM., 1. IV, c. 30), und mehr als ein Jahrhundert vorher erzählt SomadevasKathäsaritsägara (transl. by C. H. Tawney, 1880 f., I, 362) in dementsprechenden Stücke bei Ksemendra fehlt dieses Motiv, wie sichein Königssohn vor einem ihn verfolgenden Räksasa rettet, indemer Erde, Wasser und Dörner auswirft, woraus ein Gebirge, ein Stromund ein Dornenwald erwachsen; der Schwank hat sich an dieses Motivnicht herangewagt, und ebensowenig hat er dies bei Hunderten anderergetan. Was ist der Grund ?

Diese, wie wir sie vorläufig nannten, richtigen Märchenmotiveentsprechen allesamt uralten, zum Teile sogar, wenn der Ausdruckgestattet ist, religiösen Anschauungen von derselben Art wie die,die zu dem Bauopfer und der Witwen Verbrennung geführt haben;der Glaube aber, daß diese Anschauungen der Wirklichkeit entsprächen,daß sie richtig wären, war in dem südlichen Europa, das uns zivilisierthat, zumeist schon im Altertum erschüttert, die griechische, aberauch die christliche und die jüdische Skepsis ist ihm langsam in demjetzt mohammedanischen Vorderasien an den Leib gerückt, und dieSpekulation der Weisen hat auch in Indien zu demselben Ergebnisgeführt, überall freilich nur in der höhern Volksschicht, die wir miteiniger Berechtigung auch schon vorher gebildet nennen dürfen; beidem niedern Landvolk hat auch in manchen europäischen Gebietennicht einmal das Christentum den Glauben an gütige oder böse Feenvöllig zu tilgen vermocht. Das aber, was als letzte Auswirkung deralten Religion oder der alten gewissermaßen religiösen Anschauungenübrig blieb, diese mit übermenschlichen Gaben ausgestatteten Tiere,mit geheimnisvollen Kräften begabten unterirdischen und überirdischenWesen, die Sehnsuchtslande, die schier unüberwindlichen Gefahren,das Transzendente und das Wunder, all das war zu schön, als daßman es mit dem Glauben, der es gezeugt hatte, von sich getan hätte.Der Gebildete wußte, daß alles nur Fiktion war, aber als solche warsie ihm teuer, und wenn er seinen Spott üben wollte, waren im niedrigenVolke noch genug Wahnideen da, die, nicht unschädlich wie die andern,der Zeit trotzten und heute noch trotzen. Im Orient hegte und hegter die Wundererzählung wie in einer Reservation, und im Westenbegann dies mit den Anfängen der Romantik, mit der Rückkehr zudem Volkstum, zu dem die Brücken seit der Renaissance abgebrochenwaren, ohne daß sie die Reformation wiederherzustellen vermocht