30 Kein Spott über Märchenmotive.
Schwanke erzielen, wie der neugriechische von einer jungen Frau,die sich ängstigt, ein Lämmchen könnte es ihrem Mann verraten,daß sie den öltopf zerbrochen hat, oder der tunesische, wo ein Hammelnacheinander von der jungen Gattin, dem Vater und der Mutter desHausherrn beschenkt wird, damit er diesem eine ziemlich harmloseVerfehlung der jungen Frau verschweige. Die Kuh des altägyptischenMythos, die den jungem Bruder vor dem altern warnte, und derWidder, der den Geschwistern Phrixos und Helle kündete, daß sieumgebracht werden sollten, leben weiter in den vorausschauendenTieren, die die Märchenhelden beraten; dabei mußten sich im Mittel-alter die Leute von Wilebege oder Wilby und die von Gotham, dieihrem Landherrn die Abgaben durch einen Hasen schickten (Odovon Ceritona bei Hervieux, Les fabulistes latins, IV, 1896, 214 f.;The Madmen of Gotham, n° 8), verlachen lassen, und der Sieur deGaulard, der einem neuen Lakeien ein ortskundiges Pferd als Wege-weiser mitgab (Tabourot, Les touches du Seigneur des Accords, 1662,223 f.), ist nur eine Karikatur des Abtes eines Klosters am Jordan,der seinem Hündchen befahl, einen des Wegs unkundigen Mönch zuführen (Sophronius, Pratumspirituale.c. 157; Patrol. lat., LXXIV, 199).Dem guten Knaben des Märchens, der einem Stein auf freiem Felde zumSchutze gegen die Kälte sein Wams schenkt oder aus demselben Grundeeinen Baumstrunk mit seiner Mütze bedeckt, steht im Schwanke derTölpel gegenüber, der ein Stück Leinwand einbüßt, worein er einenDornbusch gehüllt hat, der ihm vor Kälte zu zittern schien, aber auchdas Catherlieschen, das die tiefen Gleise des Bergwegs mit Butterschmiert, damit sie von den Rädern nicht zu hart gedrückt würden.Natürlich zieht ein solcher Schwank — auch in seiner Form alsApöphthegma — in den Bereich seines Spottes nur Anschauungenoder als Folge von Anschauungen Brauchtümer, die noch im Schwange^sind; an längst verwichene Dinge, auch wenn sie noch so kurios sind,verschwendet er seine Kritik selbstverständlich nicht. Nach dieserFeststellung kann denn nicht auffallen, daß er sogenannte richtigeMärchenmotive in keiner Weise berücksichtigt, daß er sich um sieeinfach nicht kümmert. Das Motiy_jlesVerwandlungskampfes zumBeispiel kommt nicht nur in Tausendundeiner Nacht, in der keltischenSage von Taliesin und bei Straparola vor, ganz abgesehen von denunzähligen volksmündlichen Erzählungen, sondern ist auch in eineralten griechischen Legende verarbeitet, die zuerst Leo Allatius 1645in seinem Buche De templis Graecorum veröffentlicht hat (M. Gasterin der Folk-Lore, 1900, 142 f.; derselbe, Studies and Texts, 1925 f.,II> 1018 f.; s. auch H. Hepding in den Hess. Bl. f. Volksk., XXIII, 122):die von den Heiligen Sisynios und Synidores verfolgte kindertötendeDämonin Gylo oder Gelu — wir erkennen in ihr die lesbische Gelooder Gello (Röscher, Lexikon, 1884 f., I, 1610) — verwandelt sichin einen Fisch, die Heiligen sich in Fischer, sie in eine Schwalbe, dieHeiligen in Falken, sie in ein Ziegenhaar und verbirgt sich in demBarte des Königs und wird, dort herausgezogen, zu einem Weibe*);
*) Nicht erwähnt wird diese Episode der Legende bei P. PerdrizctNegotium perambulans in tenebris, 1922, 13 f. und E. Petersen, Eis 6eog,1926, 114 f.