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Versuch einer Theorie des Märchens
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Märlein und Schwank. 20,

Energien, die sich zur Geltung zu bringen trachten: sie dringen nichtnur in die alten Sagen ein, sondern finden auch für sich, ohne An-knüpfung ihren Weg weiter; sie sind, das ist eines ihrer Kennzeichen,allesamt Wandermotive. Natürlich hätten sie an vielen Orten erfundenwerden können, aber nicht gleichzeitig, weil die Kulturstufe, die ihreVorbedingung ist, nicht überall gleichzeitig erreicht wird; hingegensind sie oft geradezu Träger der Kultur, weil sie die Anschauungen,denen sie entsprungen sind, weiter verbreiten. Nicht immer natürlichwandern sie allein, sondern oft in von künstlerischem Sinne geschaffenerVerbindung mit Motiven des Gemeinschaftslebens oder mit Motiven,die auf den alten Anschauungen beruhen, manchmal, um sie zubejahen, hin und wieder, um sie zu verlachen, das ist, mit andernWorten, als Märlein oder als Schwank.

Die zuletzt behandelte Reihe von Geschichten, wo boshafte Leuteeinen Wahn benützen wollen, um den ihnen Verhaßten zu verderben,bejaht den Sinnspruch oder das SprichwortWer andern eine Grubegräbt, fällt selbst hinein"; dasselbe trifft in einer in dem 481. Jätakaeingeschalteten Geschichte zu, deren trauriger Held, ein Brahman,der sich den Wahn von der Notwendigkeit des Bauopfers zunutzemachen will, um einen andern Brahmanen unter einem neu zu errich-tenden Tore begraben zu lassen, dieses Schicksal schließlich selbererleiden muß. Wer will, kann diese Geschichte oder dieses Märleinin die Unterabteilung des Schwankes verweisen, und gewiß sind Varian-ten da, wo eine solche Bezeichnung als berechtigt anerkannt werdenmuß; das wesentliche Kriterium aber bei der Unterscheidung, ob manes mit einem einfachen Märlein oder einem Schwanke zu tun hat,ist die Absicht des Erzählers, die freilich meist erst aus der Darstellungerschlossen werden muß.

Das redende Tier gehört noch heute, auch in unsern Landen, zuden am wenigsten entbehrlichen Motiven des Märleins, und ander-seits ist es noch kaum ein Menschenalter her, daß Rosegger einenSchwank Hans Sachsens nacherzählt hat, der folgenden Inhalt hat:Eine Edelfrau trägt einem alten Weibe auf, zwölf Hühner sprechenzu lehren. Nach einiger Zeit sagt das Weib, sie könnten schon murmeln,und gibt auf die Frage der Dame die Antwort, sie brächten diese inBeziehung mit dem Dorfkaplan, worauf natürlich die Hühner ihrLeben lassen müssen. So wie die Raben des hl. Meinrad oder dieKraniche des Ibykus den Mord, dessen Zeugen sie waren, rächen,indem sie die Mörder entdecken helfen, so verrät das Pferd Faladain dem Grimmschen Märchen von der Gänsemagd die elende Kammer-jungfer, die an ihrer Herrin Statt die Braut des Königssohnes gewordenist, und im Aschenbrödel verraten die Täubchen dem Freier, daßdie rechte Braut noch daheim sitzt; Klaus von Ranstedt jedoch, der1515 mit neunzig Jahren verstorbene sächsische Hofnarr, der seinenHund bittet, reinen Mund zu halten, damit er nicht um seine Ohrenkomme*), reizt zum Lachen, und ein Lachen wollen auch moderne

*) Ein Zusammenhang dieser Schnurre, die zuerst bei Joh. Agricola steht(s. Bolte zu Pauli, n° 696) mit der aisopisohen Fabel (Babrios, n° 3, Halm, n° 17,Phaedrus, App. n° 22) darf wohl nicht angenommen werden.