28 Das Märlein als Exempel.
II Comento sopra la Commedia, lez. 47 zu Inferno, c. XII, v. 109,ed. G. Milanesi, 1863, II, 299). Gleichwohl ist der Unterschiedzwischen den orientalischen Geschichten und den in Italien beheimatetenApophthegmen wesentlich: diese üben an dem Gedanken von derMöglichkeit einer Botschaft ins Jenseits durch eine Hinrichtung trotzdem Grauen, das sie durch die Verhöhnung des Opfers erregen, nurSpott, die orientalischen Fassungen aber führen diesen Gedankenad absurdum. Daß der erste, der eine Geschichte dieser Art, die sichin dieser oder jener Form wirklich zugetragen haben mag, zu einemMärlein oder einer Novelle ausgeschmückt hat, dabei einen didak-tischen Zweck im Auge gehabt hätte, kann selbstverständlich, nichtbehauptet werden; sicher aber ist wohl, daß schon diese erste Dar-stellung geeignet gewesen ist, dem grausamen Wahn den Garausmachen zu helfen, und wenn dies nicht schon als Absicht des Urheberszu erkennen ist, so hat das nicht viel auf sich angesichts der riesigenZahl von sogenannten Märchen, die augenscheinlich nur den Zweckverfolgten, Anschauungen, die der Verfasser überwunden hatte, auchvon dem Volke überwinden zu lassen. Hier wirkte das Märlein alsBeispiel; sein Schöpfer erfand, dichtete, nicht mehr zu dem Zweckeder Unterhaltung allein, sondern um ergötzend zu lehren oder lehrendzu ergötzen. Und hier sei mir erlaubt, mit einer kleinen Änderungzu wiederholen, was ich seinerzeit in der den Märchen des Mittelaltersvorausgeschickten Abhandlung ausgeführt habe:
Jeder neue Gedanke erzeugt in dem Kampfe mit dem Wider-stände, den er notwendigerweise hervorruft, eine Reihe von Gleich-nissen, Erzählungen, Exempeln, und diese Reihe wächst, weil sichdie Phantasie nicht Einhalt tun läßt, auch nach dem Erlahmen desWiderstandes weiter. Mit der Bevorzugung der Intelligenz vor derrohen Kraft wird das Motiv des schlauen Ratgebers ebenso gebildetwie das der klugen Dirne und das der Scharfsinnproben. HöhereRechtsanschauungen führen das Jus talionis und das Ordal adabsurdum und erschließen aus der Charaktererforschung neue Quellender Rechtsfindung. Die Beschäftigung mit dem Verhältnis der Gattenzueinander zeitigt einerseits hohe Lieder von Frauenreinheit, ander-seits bis zum Grotesken gesteigerte Beweise, daß die Frau zu hütenunnütz und auf ihre Dankbarkeit zu rechnen dumm ist. Dargetanwird hier die Sittlichkeit der Wohltat, dort die Unvernunft, einenzugrunde Gehenden zu retten. Der Glaube an eine Vorsehung oderan die Unabwendbarkeit des Schicksals wird ebenso durch erfundeneErzählungen gestützt wie die Bedeutung des Zufalls. Die Spekulations-lust der geistig Gewachsenen wirft Fragen auf, wie ob das Glück mehrvermöge als der Verstand, was mehr Vorteil bringe, recht oder unrechtzu handeln, ob es besser sei, in der Jugend zu leiden oder im Alter.Der sich kräftiger und sicherer fühlende Rationalismus verschontauch die Anschauungen der Vorzeit nicht, sondern übt seine Kritikan ihnen und erweist durch sinnreiche Fiktionen ihre Unrichtigkeit;das Lächerliche gewinnt ästhetisch höhere Formen. Alle diese Motive,ursprünglich selbstverständlich von Einzelnen erdacht, die über derMasse stehen, verfügen, zum Teile, weil sie an anregende Problemerühren, zum Teile, weil sie dem Unterhaltungsbedürfnis dienen, über