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Versuch einer Theorie des Märchens
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20 Die Botschaft ins Jenseits.

lenden Betrag auszahlen und ihn zur Hinrichtung abführen lassenmit dem Befehle, dem Kaiser im Jenseits die Wahrheit zu melden.

Alle diese Apophthegmen und viele, viele andere kritisieren volks-tümliche Anschauungen; nicht überall jedoch liegt dies in der augen-blicklichen Absicht des Sprechers. Bocchoris allerdings, der einUrteil aussprechen soll, will den Glauben an die Tatsächlichkeit desTraumes treffen, aber Sokrates denkt vor allem daran, seine Fried-fertigkeit zu bekunden. Ridolfo von Camerino verspottet einenunsinnigen Brauch, weil dieser gegen ihn angewandt worden ist, unddie Unglücksvögel wehren sich ihrer Haut, indem sie den Aberwitzdartuen, der in dem Glauben an einem schlechten Angang liegt; Catohingegen benützt einen ihn eigentlich nichts angehenden Anlaß, umsich gegen einen weitverbreiteten Aberglauben zu wenden. KaiserTiberius wieder rechtfertigt seine Grausamkeit, indem er seine Ironiean einem damals wohl in Rom längst obsolet gewordenen Braucheübt, an den er von einem Übermütigen erinnert worden ist; vielleichtaber hat er oder wer ihm dieses Apophthegma zuerst zugeschriebenhat, an die Verse der Aeneis gedacht (II, 547!.), wo Neptolemos demihn schmähenden Priamos, bevor er ihn tötet, anheimstellt, drübenseinem Vater Achill mitzuteilen, was er von dessen entartetemSohne halte.

Ansonsten ist dieser Gedanke, daß ein Sterbender oder ein ToterBotschaften in die andere Welt mitnehmen könne, keineswegs durchdiese Stelle allein belegt. Polyxene fragt, bevor sie, auch von derHand von Neptolemos, an Achills Grab geopfert wird, was ihr ihreMutter an Hektar oder Priamos zu bestellen auftrage (Eurip., Hecabe,422 f.), von den Kelten erzählt Diodor Siculus (V, 28), sie pflegtenbei Leichenbegängnissen Briefe an ihre verstorbenen Verwandten aufden Scheiterhaufen zu werfen, und im siebzehnten Jahrhundert weißJ.-B. Tavernier (Les six voyages, III, 9; Ausg. 1712 f., IV, 133) ausBengalen zu vermelden, man bringe den Witwen vor ihrer VerbrennungBriefe, Blumen, Geld, damit sie diese Dinge den toten Angehörigender Spender übermittelten. Weiter berichtet der Sire de Joinville(Memoires, 6d. Fr. Michel, 1858, 151 f.), dem hl. Ludwig habe, alser mit ihm vor Caesarea lag, Philippe de Toucy, der während derAbwesenheit Kaiser Balduins IL in Byzanz regiert hatte, einenVorfall erzählt, der sich zugetragen habe, als er bei dem mit denGriechen verbündeten Heere der Kumanen weilte: Einem ver-storbenen kumanischen Ritter sollte nicht nur sein bestes Pferd,sondern auch sein bester Knappe (sergent) in den Tod folgen, unddiesem gab der Großkönig der Kumanen einen Brief an seinen Vor-gänger auf dem Throne mit, worin er ihn bat, den Knappen, der ihmtrefflich gedient habe, zu belohnen; dann wurde der Knappe mitseinem toten Herrn begraben. Ist hier noch der Anlaß, daß ein Menschsterben soll, benützt, um ihn als Boten ins Jenseits zu verwenden,so hatten die Goten, die ein paar Jahrhunderte vor Christus auf denGebieten saßen, die später die "Kumanen bewohnen sollten, denBrauch, alle fünf Jahre einen durch das Los zu bestimmenden Mannzu ihrem Gotte Salmoxis abzufertigen, damit er diesem ihre jeweiligenBitten vortrage (Herodot, IV, 94), und noch vor hundert Jahren,