Das Apophthegma als Kritik einer Anschauung. 25
Gesamtheit und an den Anschauungen, die den Handlungen derGesamtheit oder eines Großteils der Gesamtheit zugrunde liegt. Werden Anschauungen, denen seine Familie, sein Stamm, sein Volkhuldigt, die Berechtigung aberkennt, handelt wie der auf einer höhernKulturstufe stehende Fremde; er hat sich seiner Umgebung wenigstensinnerlich entfremdet und so den Abstand geschaffen, den das Urteilgegenüber dem Vorurteil erheischt.
Daß das Tier wesenseins ist mit dem Menschen, daß es ebensodenkt und handelt wie der Mensch, ist dem Primitiven, wie wirgesehen haben, selbstverständlich, und wie lange dieser Glaube sogardie Jurisprudenz beherrscht hat, darüber belehren die bis vor ein paarJahrhunderten gegen Tiere geführten Prozesse; schon Sokrates aberhat, als man sich verwunderte, daß er sich den Fußtritt eines frechenKerls gefallen ließ, geantwortet: „Hätte ich etwa einen Esel, von demich getreten worden wäre, gerichtlich belangt?" (Diog. Laert., II, 215Plut., De lib. educ, 10 B). Weiter trifft nicht nur für den Primitivenalles, was einem Bilde angetan wird, das Original; in dem Mittelalterund der frühen Neuzeit sind die Attentate auf das Leben hoch-gestellter Persönlichkeiten, ausgeführt durch das Mittel eines Wachs-bildes, unzählig, und noch Strindberg läßt sich „von einem unheil-vollen Instinkt ins Ohr flüstern", was er mit dem Porträt seinesgeliebten Töchterchens vornehmen soll (Inferno, 36, 53 f.); der Con-dottiere Ridolfo da Camerino jedoch, den die Florentiner 1377, we ^er die Schuld trug, daß ihr Heer von Lutz von Landau geschlagenworden war, an den Pranger hatten malen lassen, empfing ihre Ge-sandten im August danach in einem arg überheizten Zimmer undantwortete auf deren Frage, an welcher Krankheit er leide, er habesich damals an ihrer Mauer erkältet (Poggius, Fac. 53). Der alteGlaube an alle möglichen Vorzeichen ist heute noch bei alt und auchbei jung verbreitet; dabei hat nach dem hl. Augustinus (De doctr.Christ., II, 20) der alte Cato einem Bekannten, der sich aufregte, weilihm Schuhe von Mäusen angefressen worden waren, den Bescheidgegeben, er sehe darin kein Wunder; anders freilich wäre es, wenndie Mäuse von den Schuhen angefressen worden wären. Das Tsa paotsang king, eine aus dem Jahre 472 stammende chinesische Über-tragung eines in Sanskrit geschriebenen Werkes, erzählt (Chavannes,III, 103), ein König von Ujjayini habe einen buddhistischen Mönchhinrichten lassen wollen, weil ihm der Anblick von GeschorenenUnglück bringe, aber der Mönch habe gesagt: „Wenn das für jemandein Unglück ist, so bin ich es, o König, und nicht du"; trotz dieserund vielen andern solchen Geschichten fluchen unsere Jäger nochimmer, wenn sie auf dem Wege zum Weidwerk zuerst einem altenWeibe begegnen. Der Volksglaube an die Tatsächlichkeit der Träumehindert den ägyptischen König Bocchoris (Plut., Demetr., 27, 901 D)nicht, einer Hetäre, die von einem Jüngling Bezahlung für ihregeträumte Umarmung fordert, nur den Klang des verlangten Geldeszuzusprechen, und von Tiberius berichtet Suetonius (III, 17), er habeeinem Possenreisser, der bei einem Leichenbegängnis dem Totenzugerufen hatte, er möge dem Kaiser Augustus berichten, seine Legatean das Volk seien noch immer nicht ausbezahlt, den auf ihn entfal-