Übernatürliche Ortsveränderung. [23
Jahrtausende später in Kairo, also in der Nähe des Ortes, wo dieErzählung des Kindheitsevangeliums spielt, von der Verwandlungeines Mannes in einen Esel und seiner Zurückverwandlung zumMenschen als von einem Faktum berichtet worden, wobei als nichtuninteressant erwähnt sei, daß dem Manne, weil der zur Entzauberungüber den Esel gegossene Kräuterabsud einen Hinterfuß unbenetztließ, ein Eselsfuß geblieben ist, was an dem jüngsten Schwan in dem49. Märchen der Brüder Grimm erinnert, der bei der Rückverwandlungeinen Schwanenflügel behält, weil an dem ihm übergeworfenen Hemdeein Ärmel fehlte. Und Edward William Lane, der dies 1837 erzählt(The Arabian Night's Entertainments, 1841 f., I, 65 f.), setzt dazudie Bemerkung: „Fast alle Muslime glauben unbedingt an die Zauberei,und wer die Wahrheit dieses Glaubens leugnet, den betrachten sieals Freidenker oder Ungläubigen."
Ein andres Beispiel: Noch 1651 läßt der Jesuit Georg Stengel(De iud. div., 1. II, c. 28; II, 364) die Frage offen, ob es vel fabula,vel historia sei, was Boccaccio von dem Messer Torello erzählt, daßihn nämlich Sultan Saladin durch einen Schwarzkünstler in EinerNacht von Alexandrien nach Pavia habe schaffen lassen, der um dreiVierteljahrhunderte ältere Bischof Simone Maioli zweifelt überhauptnicht an der Wahrheit der Darstellung (Dies caniculares, 1642, 478),und die Zeitgenossen Boccaccios haben sicher erst recht nichts Be-denkliches daran gefunden; nennt doch Boccaccio seine Erzählungeine Novelle, und die Novelle entspricht als künstlerische Form dem,.was die Geschichte als Einfache Form ist. Walter Scott will, in derersten Note zu Waverley, das Aufkommen solcher Erzählungen inder Kreuzfahrerzeit auf den Umstand zurückführen, daß damals beider großen Entfernung und den seltenen Verkehrsmöglichkeiten häufigfalsche Nachrichten über die Abwesenden umgelaufen und manchmalzu rasch geglaubt worden seien, und tatsächlich läßt sich leicht eineGeschichte konstruieren oder rekonstruieren, wo es weder einesSchwarzkünstlers, wie bei Boccaccio, noch, wie bei Caesarius vonHeisterbach, des hl. Thomas und eines Teufels bedarf, um den Ver-schollenen just an dem Tage zurückzubringen, wo seine Gattin Hochzeitmachen will; hätte aber Walter Scott nicht nur erklären wollen, wiesolche Erzählungen entstanden sind, sondern auch, warum man diewunderbare Ortsveränderung eingefügt hat, so hätte er sagen müssen,daß damals und noch viel später nur sehr wenige an der Möglichkeitsolcher Dinge gezweifelt haben. Wir dürfen also Erzählungen, wiedie von Messer Torello und die von dem in einen Esel verwandeltenJüngling, trotz ihren sagenhaften Zügen als Geschichten oder Bear-beitungen von Geschichten ansprechen, und dasselbe werden wir mitErzählungen tun dürfen, deren wesentliche Motive sich auf allgemeinoder über weite Gebiete verbreitete Anschauungen gründen, die wirheute, freilich nicht richtig, als abergläubisch zu bezeichnen pflegen,wie Wahrheit des Traumes, Erfüllung einer Prophezeiung oder einesFluches, Identität des Bildes und des Dargestellten, Kräfte des Haarsund der Fußtapfen, schätzehütende Tiere, Heckpfennig und Spring-wurzel, gebannte Dämonen, Irrlichter, das an einen Gegenstandgebundene Glück, Bluten des Leichnams angesichts des Mörders, die