22 Verwandlung von Menschen in Tiere.
bisher so, als könnte in der Geschichte, wie sie als Erzählung einesGeschehnisses schon bei Primitiven möglich war und ist, das unsirrational Erscheinende, ja auch die Übertreibung, die so oft dasIrrationale ersetzt, ebensowenig statthaben, wie in einem heute-zutage von uns gegebenen Berichte; dem ist aber nicht so. Wenn derPrimitive sagt: „Den N. N. hat ein Baum erschlagen", so denkt erdabei keineswegs in einer Metapher, wie wir es heute, allerdings unbe-wußt, tun, wenn wir dasselbe sagen; für den Primitiven ist der Baumwesensgleich mit dem Menschen, und der Baum, der einen Menschenerschlägt, handelt wie ein Mensch, also fahrlässig oder absichtlich.Daher ist der Satz des Primitiven „Den N. N. hat ein Baumerschlagen" auch in diesem Sinne eine Geschichte, und eine Geschichtewürde er auch bleiben, wenn ihm der Zeuge und erste Erzähler, deretwa beobachtet hat, daß kurz vor dem Unglück ein Hase neben demBaume aufgesprungen ist, beifügen würde: „Und den Baum hat esein Hase geheißen." Die subjektive Wahrheit der Gegenwart siegtüber die objektive Unmöglichkeit der Zukunft, und das gilt auch fürviel spätere Zeiten und für Kulturvölker.
Nach dem sogenannten Arabischen Kindheitsevangelium (Kap.20 und 21) nehmen drei Frauen in Ägypten die auf der Flucht befindlicheHeilige Familie gastfreundlich auf, und Marias Magd wird Zeugin,wie diese Frauen einen mit einer seidenen Decke behängten Maul-esel küssen und mit Sesam füttern; der Maulesel ist der Sohn dereinen und Bruder der andern zwei Frauen, und eifersüchtige Weiberhaben ihn, als er heiraten sollte, verwandelt. Davon verständigt,bittet Maria das Jesuskind, dem Maulesel, dem sie es auf den Rückengesetzt hat, die menschliche Gestalt wiederzugeben, und schon stehtder Jüngling von jeder Fehle frei da. Mag hier von einer frommenSage oder Legende gesprochen werden, so erzählt ein halbes Jahr-tausend später ähnliche Dinge der als Historiker geschätzte Bene-diktiner Wilhelm von Malmesbury als über jeden Zweifel erhabeneWahrheit (Gesta regum Anglorum, II, § 117; Patrol. lat., CLXXIX,1144): Zwei Wirtinnen an der Straße nach Rorn pflegen, ihre Gästein Pferde oder Schweine oder andere Tiere zu verwandeln und diesezu verkaufen. Einmal verkaufen sie einen solchen Esel einem Nachbar,mit der Warnung jedoch, ihn ins Wasser zu lassen; ihm gelingt es,sich in einen See zu stürzen, und sofort hat er seine frühere Gestaltwieder. Der Käufer meldet das dem Papst Leo IX., und dieser willes nicht glauben, läßt sich aber schließlich von dem Kardinal PetrusDamiani überzeugen. Diese Erzählung wird bis in die Neuzeit hineingeglaubt, und einer der Nacherzähler, Vinzenz von Beauvais, beruftsich überdies auf das Zeugnis des hl. Augustinus, der (De civitatedei, XVIII, 18) ausführt: „Wenn wir sagen, derlei Dinge (Verwand-lungen von Menschen in Tiere) seien unmöglich, so fehlt es nicht anLeuten, die behaupten, dergleichen gehört oder gar selber gesehen zuhaben; denn auch wir haben, als wir in Italien weilten, solches voneiner dortigen Gegend gehört", worauf dann eine Geschichte folgt,die etwa dasselbe berichtet, wie Wilhelms Gewährsmann. Weiter istebenso, wie dem Kirchenvater um die Mitte der achtziger Jahre desvierten Jahrhunderts in Italien, einem Engländer fast anderthalb