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Versuch einer Theorie des Märchens
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Das Unglaubliche in der Geschichte. 21

und in einem tamulischen Puräna auf einen derselben Dynastie an-gehörenden andern König übertragen worden ist (Schomerus, Sivai-tische Heiligenlegenden, 1925, 34 f., 292 f.); der Prabandhacintäman i(transl. by C. H. Tawney, 1899, 179) führt einen König Govardhanavon Cauda ein, und persische und arabische Schriftsteller (Chauvin,II, 200 f., dazu Rückert, III, 211, Basset, 1001 Contes, 1924 f., II, 266)nennen Chosrau Anüsirwän. Alle diese Sagen aber müssen jüngersein als die Geschichten, die von der Glocke allein, noch ohne ihreErprobung durch ein Gerechtigkeit heischendes Tier berichten: solchefinden sich z. B. in den chinesischen Annalen zu dem Jahre 2217 v. Chr.von dem Kaiser (Benfey, Basset a. a. O., ferner Anecdotes chinoises,1774, 47 f.), in der Weltbeschreibung Qazwlnls (Geiger, Dip. u M.,27, Basset) von den Oberhäuptern der chinesischen Stadt Sandabil,in der von M. Reinaud herausgegebenen Relation des voyages (1845,I, 40 f.) von allen chinesischen Städten (s. auch I, 106 f., II, 28 f.),bei dem Reisenden Ibn Batüta (H. v. Mzik, 1911, 73) von dem SultanSams ad-din Lalmis, der von 1210/1211 bis 1235/1236 in Dehli herrschte,bei Abu '1-Fida in der Vorislamischen Geschichte von Hormizd IV.(579590), dem Sohne Anüsirwäns. Dürften wir schon aus diesenGeschichten schließen, daß es sich in ihrer Urform um Herrschergehandelt hat, die das Brauchtum von einem freien Verkehr mit ihremVolke abschloß, so daß mit der Zeit für besondere Fälle, die eine Aus-nahme verlangten, eine Vorkehrung getroffen werden mußte, so wirddas zur Gewißheit durch einen Bericht von Herakleides von Kyme,der uns bei Athenaios (XII, 13) erhalten ist: Der König des Landes,das den Weihrauch hervorbringt, lebt nur der Üppigkeit; nie gibter sich mit dem Volke ab oder zeigt sich ihm. Er bestellt Richter,und wenn jemand glaubt, er sei ungerecht gerichtet worden, so ziehter die Kette, die zu einem Fenster in dem obersten Stockwerk desPalastes hinaufführt, und dann läßt ihn der König kommen und richtetzwischen ihm und dem Richter. Andererseits vermelden Strabon(XVI, 4, 19; 778) und Diodor (III, 47) von dem Lande der Sabaier,wo der Weihrauch wächst, dem Könige der Hauptstadt'sei es nichtverstattet, jemals seine Burg zu verlassen, und tue er das, so steinigeihn das Volk. Diese zwei Stellen und die aus Athenaios gibt Sir J.G. Frazer (The Golden Bough 3 , III, 124 f.) mitten unter andern Belegenfür ein königliches Tabu, das auf weiten Gebieten der Erde galt undgilt; ebenso gut aber wäre dieses Tabu aus den freilich meist schonübertragenen Geschichten und den sicher übertragenen Sagen zu'erschließen gewesen, die wir eben angeführt haben. Zuerst kamenalso, dem Alter nach, die Geschichten von dem Tabu, dann dieGeschichten von der Ausnahme von dem Tabu und zuletzt die Ketteder Sagen von dem unbillig gekränkten Tiere, das die Glocke derGerechtigkeit zieht. Das Unmögliche ist das Akzidens, das die Ge-schichte zur Sage macht.nämlich für uns Europäer der Gegenwart.Denn dieses für uns Wunderbare, dieses für uns Unglaubliche wardamals und dort wo die Erzählung ihre vollständigste Form gefundenhat, nichts Wunderbares, nichts Unglaubliches, und dort und damalswar denn auch die Erzählung von der die Glocke der Gerechtigkeitziehenden Schlange nichts andres als eine Geschichte. Wir taten