20 Kaiser Karl und die Schlange.
chen, sondern gewissermaßen auch den Petit chaperon rouge der ältestenFassung des Märchens. Von Bauern hat Egbert gehört, was er erzählt,und wir geben ihm recht bei der Behauptung, es sei nicht so wunder-bar, daß es nicht glaubwürdig wäre; glaubwürdiger jedenfalls istdiese Geschichte, als das so oft erzählte Predigtmärlein von der Mutter,die die hl. Maria, indem sie ihr das Jesuskindlein wegnimmt, zwingt,ihr das von einem Wolf geraubte Kind unversehrt zurückzustellen.Wir haben hier also eine wahrscheinlich objektiv, sicherlich aber sub-jektiv wahre Geschichte von einem Rotkäppchen vor uns, dem dieWölfe nichts anhaben, und dasselbe ist bei dem der Brüder Grimmder Fall, freilich nicht auch bei dem Petit chaperon rouge, der denjungen Mädchen, wie Perrault sagt, zur Warnung dienen soll vor jenenWölfen, die sie bis in die Häuser verfolgen und noch weiter, jenensanften Wölfen, die die gefährlichsten von allen Wölfen sind.
In den Märchen ist also von der Geschichte —■ Zwischenglieder•'haben ja wohl bestanden — außer dem Wolf nichts übrig gebliebenals die Erinnerung an die rote Cappa, der eine Zug, der weder in derGeschichte noch in den Märchen eine motivische Bedeutung hat,gleichwohl aber die Namen Chaperon rouge und Rotkäppchen recht-fertigt; anders ist es mit dem Aschenputtel, das seinen Namen ausder Rolle ableitet, die es nicht nur in dem Märchen spielt, sondernauch in den durch alte Anspielungen belegten Geschichten (Bolte-Polivka, IV, 67, 74 n.) gespielt haben muß. Mehr aber noch als dasMärchen haftet an der Geschichte, dem Geschehenen, die Sage; daihr Erzähler will, daß das, was er erzählt, als Tatsachenbericht ge-nommen werde, darf er seiner Phantasie die Zügel nicht allzu weitschießen lassen und muß überdies an die Wirklichkeit anknüpfen:der Fels, dessen seltsame Form er erklärt; muß dasein, der See,worein die gottlose Stadt versunken ist, muß dasein, der Held, derverherrlicht wird, muß gelebt haben, den Brauch, dessen absonderlicheFolgen zu schildern sind, muß es gegeben haben. Das Unmögliche,gleichgültig, ob es der Erzähler erfindet oder ob es ihm anderswoherzufließt, ist das Sekundäre; das Primäre ist die Geschichte. Es istschon so, wie es Strabon meint (I, 2, 9; Cas. 20), der den Dichter mitdem Homerischen Manne vergleicht, der das Silber mit goldenemRande umgießt.
Allgemein bekannt ist die Sage von Kaiser Karl und der Schlange:der Kaiser hat eine Glocke aufrichten lassen, auf daß die in ihremRechte Gekränkten daran zögen, und zu ihrem Rechte verhilft erauch einer Schlange, die wider eine Kröte klagt (Bolte zu Pauli,n° 648). • Diese Sage, die auch von andern abendländischen Herrschernerzählt wird — oft ist es da ein altes Roß, das seinen Herrn des Undankszeiht —, stammt wohl aus dem Orient, und vielleicht ist ihre ältesteerhaltene Fassung die, die der Mahävamsa, 21, 15 (Benf y, Pantscha-tantra, 1859, I, 168 f., Geiger, Mahävamsa, 1912, 143 t., Geiger,Dipavamsa und Mahävamsa, 1905, 26 t., Winternitz, Geschichte derindischen Literatur, 1909 f., II, 172 f.) nach einer alten Atthakathävon einem Könige auf Ceylon, Elära mit Namen, berichtet, die abernoch heute in der singhalesischen volkstümlichen Literatur lebendig(Barnett, Alphabetical Guide to Sinhalese Folklore, 1917, 24, 97, 101)