Die Wolfskinder. — Rotkäppchen. IQ
es denn auch in einer italienischen Novelle des 14. Jahrhunderts nochein Wolf, der die mit demselben Spiele beschäftigte Knabenscharvertreibt. Hier ist noch nichts Unglaubliches oder Sagenhaftes vor-handen, und gegen die Einführung eines solchen Motivs wehrt sichnoch Johann Peter Hebel, der in der im Spessart spielenden ErzählungDer unschuldig Gehenkte, wo ein Eber die Kinder vertreibt, aus-drücklich feststellt: „Daß aber der Eber soll der Teufel gewesen sein,hat sich nicht bestätiget."
Wölfe und Menschenkinder bieten auch sonst einen beliebtenErzählungsstoff. Schier alljährlich lesen wir in den Zeitungen Berichteaus Indien, es sei von einem Jäger ein Kind gefunden worden, dasjahrelang mit Wölfen gelebt, die Sprache und die aufrechte Gangartvergessen habe und sich nicht mehr an menschlichen Umgang gewöhnenkönne oder wolle; und doch hat Max Müller schon 1874 einen Auf-satz, betitelt Wolfschildren, geschrieben (Essays, II 2 , 1881, 236 f.), dermit dem bezeichnenden Satze beginnt: „Wolfskinder sind wie dieSeeschlange." Dabei ist dem großen Forscher entgangen, daß derleiGeschichten nicht nur in Indien, sondern auch in Europa des öfternerzählt worden sind, gleich als gäbe es oder hätte es eine Wolfsgattunggegeben, in der sich die Instinkte jener Wölfinnen erhalten hätten,die Apollons Sohn Miletos und die Söhne Rhea Silvias aufgezogenhaben; am bekanntesten sind die zwei Wolfskinder, die nach derFortsetzung der Chronik Lamberts von Hersfeld von einem Sammel-werk in das andere übergegangen sind, aber schon im Jahre 1222 läßtCaesarius von Heisterbach (dist. X, c. 66) seinen Novizen erzählen,er habe einen jungen Mann gekannt, der in seiner Kindheit von Wölfengeraubt und bis zur Jünglingszeit aufgezogen worden sei, so daß ernach Wolfsart habe heulen und auf allen Vieren laufen können. MaxMüllers Meinung jedoch, es gebe Geschichten aus alter Zeit, die, wennauch für uns unglaublich, doch an sich keineswegs unmöglich sind,und da sei es nötig, die Frage nach ihrer physischen Möglichkeit zubeantworten,, ehe wir sie mit den Wundergeschichten in Einen Topfwerfen —, diesen Satz haben wir, die wir vor das Märchen die Geschichtestellen, als Ermunterung aufzufassen, und so wollen wir seine An-wendung auf eine in Hexameter gepreßte Geschichte versuchen, diein der Fecunda ratis Egberts von Lüttich steht, verfaßt etwa 1023:Ein fünfjähriges Mädchen, das von seinem Taufpaten ein rotes Woll-kleid erhalten hat, wird von einem Wolfe geraubt und in den Waldverschleppt. Der Wolf wirft sie seinen Jungen vor, aber die beginnenihr den Kopf zu lecken, und da sagt sie zu den jungen Wölfen, diesie für Mäuse hält, sie möchten ihr ja nicht das (rote) Kleid zerreißen,das ihr der Pate geschenkt. Und Gott lenkt die wilden Seelen zurMilde — genau so, fügen wir hinzu, wie er es bei den Wölfen in derSage von Wolfdietrich getan hat.
Ernst Voigt, der Herausgeber der Fecunda ratis, macht zu dieserVersgeschichte, betitelt De puella a lupellis servata, keinerlei Bemerkung,aber im Index führt er sie so an: „Rotkäppchen und die jungenWölfe"; tatsächlich brauchen wir nur anstatt des geschraubten klassi-schen tunica das mittellateinische cappa zu setzen — die Cappa liefin eine Kopfbedeckung aus —, und wir haben nicht nur das Rotkäpp-