Iö Hängens spielen.
wir uns mit den kargen Angaben dieses Auszugs begnügen, der immer-hin alles für uns Wichtige enthält.
So, wie nämlich dem Bagdader Arzte, einem Christen, ein Engelmit einer Fackel erscheint, so erscheinen in einer Novelle, die eingewisser Marabottino Manetti dem Erlauchten Lorenzo de' Medicigewidmet hat, einem Dorfpfarrer um Mitternacht zwei Engel mitbrennenden Kerzenstümpfen auf den Flügeln und einer großen Kerzein der Hand, und sie singen: „Chi vuole venire nel regnio di Dio entrinel sacco mio, e sempre cantera come canto io." Und der Pfarrerkriecht in den Sack, aber anstatt der verheißenen Seligkeit gewinnter Püffe und Stöße, und ebenso ergeht es in einer nur in einer Hand-schrift des späten fünfzehnten Jahrhunderts erhaltenen, in demromanischen Patois der Schweiz verfaßten Farce dem eifersüchtigenJanot, den der Liebhaber seiner Gattin unter dem Vorgeben, ei seider Engel Michael und solle ihn lebendigen Leibes in den Himmelbringen, in einen Sack lockt (Paul Aebischer, Trois farces francaisesinddites, 1924, 19 f.). Die Novelle des Florentiners aber enthält auchschon den wesentlichen Inhalt des Grimmschen Märchens; denn daßer entführt werden soll, ist dem Pfarrer angekündigt gewesen, undauch die ihm vorher angekündigten Diebstähle seines Pferdes undseines Hemdes hat er nicht zu verhindern vermocht. Verbinden wirmit diesen Motiven das der Wette, wie es uns Mas'üdl bietet, so habenwir das ganze sogenannte Märchen von dem Meisterdieb vor uns,das gemeiniglich von dem Diebstahl eines Pferdes, dann des Bettuchsund schließlich des Pfarrers handelt, und können so in großen Zügenverfolgen, wie eine Geschichte*) Zug um Zug zu dem wird, was mangemeiniglich Märchen nennt.
So ziemlich im ganzen deutschen Sprachgebiete, aber hier unddort auch bei anrainenden Völkern wird erzählt, wie Knaben Hängensspielen, wie dann plötzlich ein dreibeiniger Hase gelaufen kommtund wie sie in ihrer Angst allesamt wegrennen, so daß sich der, dersich zum Scherz hat hängen lassen, wirklich erhängt; der dreibeinigeHase ist, wie meist beigefügt wird, der Teufel, der auf diese Weiseeine Seele ergattert, und gelegentlich spielt die Rolle des Hasen einprächtiger Vogel oder ein andres Tier. Der Ausgangspunkt all dieserErzählungen aber oder, wenn man will, jener Erzählung, aus der dieübrigen entstanden sind, ist eine Geschichte, die sich nach dem Goten-krieg von Prokopios (1. I, c. 20) anno 537 in einem sammitischen Dorfeereignet hat: Da wählten die Knaben, die ihre Schafe weideten, diezwei stärksten unter ihnen aus, nannten den einen Belisar, den andernWitichis und ließen sie miteinander ringen. Dabei unterlag der Dar-steller des Gotenkönigs, und sie hängten ihn zum Scherze. Plötzlichkam ein Wolf, die Knaben liefen davon, und Witichis starb. So ist
*) Auch Manetti leitet seine Novelle von einem angeblichen Ereignis ab:er will die Geschichte davon von Messer Agnolo della Stufa (f 1480) in Gegen-wart des damaligen Herzogs von Kalabrien ( \lfonso d' Aragona) gehört haben,und Messer Agnolo hat sie von Gismondo Malatesta, Herrn von Rimini gehört,der sie unmittelbar von einer der in der Geschichte handelnden Personen er-fahren haben wollte; hiezu sei bemerkt, daß Gismondo zwei Söhne Agnolos ausder Taufe gehoben hat (s. meine Ausgabe von Polizianos Tagebuch, 1929, 75 f.).