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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die Märlein von dem Meisterdiebe. 17

Verschiedenheiten, und auch das Kloster, das der Ritter von Chateau-roux für das Seelenheil seines gemordeten Knaben gebaut hat, quodadhuc extat et De doloribus dicitur, das die Geschichte zur Sage um-gestalten will, macht uns in unserm Urteile nicht wankend.

Diese so weit verbreitet gewesene Geschichte ist allenthalbenverstummt, und die letzte Erinnerung an sie sind wohl die Schand-taten des Mohren Aaron an Titus Andronicus und seinem Geschlechtein Shakespeares Drama; mit andern, viel altern verhält es sichanders. Die 440 Verse der Odyssee, die die Polyphem-Geschichtebehandeln, haben ihre Entsprechungen, von den literarischen Variantenabgesehen, in einer Riesenzahl von Märchen, verbreitet von Islandbis Korea, von den Arabern bis zu den Portugiesen, und die Versuche,diese Erzählungen als unabhängig von der homerischen Darstellung,der einzigen, die aus dem Altertum stammt, zu erweisen, weil sie inEinzelheiten von ihr abweichen, ja sie hin und wieder in ästhetischemSinne verbessern, sind fehlgeschlagen. Dasselbe kann auch von denMärchen gesagt werden, die eine andere alte Geschichte, die vonRhampsinits (Ramses III.) Schatzhaus, nachahmen, obwohl manweiß, daß eine ähnliche, allerdings nicht so ausführliche, mit wenigerMotiven ausgestattete Geschichte schon von Eugamnon von Kyreneerzählt worden ist; viel größer freilich ist hier die Zahl der literarischenBearbeitungen der alten Geschichte, die neues mündliches Weiter-erzählen begünstigen und einzelnen Motiven und Motivverbindungeneine selbständige Existenz geben. Diese Dinge sind jedoch allgemeinbekannt; niemand aber hat bisher die Zusammenhänge bemerkt, diezwischen dem andern Märchen vom Meisterdieb, dem nämlich, dasdie Brüder Grimm in ihre Sammlung aufgenommen haben, und einerGeschichte bestehen, die sich, wieder, bei al-Mas'üdl findet (VIII, 174 f.).

Der Chalif Motawakkil (847861) wettet mit dem Arzte Bohtjesu,augenscheinlich dem Stammvater oder einem altern Gliede des be-rühmten Ärztegeschlechtes, er werde ihm binnen drei Tagen etwasstehlen lassen: gelingt ihm das, so hat ihm der Arzt 10.000 Dinar zuzahlen; wenn nicht, so erhält dieser ein Landgut. Der Chalif bescheideteinen ob seiner Schelmereien bekannten Scheich zu sich, mit Namenal-Ukab, der Adler, und mit dem Beinamen Abu'hBaz, der Vater desFalken, und betraut ihn mit der Aufgabe, in dem Hause des Arztesetwas zu stehlen, von dem dieser nicht leugnen könne, daß es ihmgehöre. Der Arzt hütet natürlich sein Haus in diesen drei Tagen mitaller Wachsamkeit; trotzdem gelingt es dem Scheich, ihn selber zuentführen und ihn in einem Kasten zum Chalifen zu schaffen. UndMas'üdl sagt:Die Geschichte ist sehr merkwürdig: es scheint, daßder Dieb einen von Himmel herabgestiegenen Engel gespielt hat, der,mit einer Fackel in der Hand, von Jesus, dem Sohn Marias, zu Bohtjesugeschickt worden wäre, daß er eine Mixtur von besonderer Zusammen-setzung verwandt und daß er ein Betäubungsmittel in ein Gerichtgemengt hat, das er den in jener Nacht in dem Hause des Arztes auf-gestellten Wachen vorsetzte usw. usw.; wir haben das alles in unsernGeschichtlichen Jahrbüchern erzählt." Nun, dieses große historischeWerk Mas'üdls ist verloren, oder zumindest ist davon erst der ersteder angeblich dreißig Bände aufgefunden worden, und so müssen

2 Prager Deutsche Studien, Heft 45.