IO Die Rache des verschnittenen Sklaven.
Nicht zu bestreiten ist jedenfalls das Eine: die Entscheidung,ob eine Geschichte aus einer andern entstanden oder ob sie ursprüng-lich, ob sie echt ist, wird umso schwieriger, je kleiner die Zahl derMotive ist, die sie enthält; am schwierigsten ist die Entscheidung,wenn sie nur über Ein Motiv gefällt werden soll, und am leichtestenist sie bei der kompliziertesten Geschichte.
Der Bagdader Mas'üdi (f 956) erzählt (Les prairies d'or, 1861 f.,VI, 264 f.; s. Wesselski, Märchen des Mittelalters, 1925, 233), demChalifen Mahdl, der von 775 bis 785 regiert hat, sei berichtet worden,in Mansüra in Indien habe einer der dortigen arabischen Großen einenjungen Hindu, den er bei seiner Frau ertappte, verschneiden lassen.Um sich zu rächen habe der Sklave die zwei Söhnchen des Herrnwährend dessen Abwesenheit auf die Zinnen des Hauses gebrachtund dem Heimkehrenden gedroht, er werde sie hinabstürzen, wenner sich nicht augenblicklich entmanne. Schließlich habe der Herr dasgetan, aber der Sklave habe die Kinder trotzdem zerschmettert.
Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht, bleibe dahingestellt;jedenfalls ist es in spätem Darstellungen ein anderer Chalif, dem siegemeldet wird, so bei al-Absihi der Sohn al-Mahdis, bei ai-Sirwänlder erst 833 zur Regierung gelangte Mu'tasim. Im Abendlande erzähltfast das gleiche um 1200 Giraldus Cambrensis: der Sklave ist, wiedamals in West- und Nordeuropa üblich, nicht nur entmannt, sondernauch geblendet worden, und darum glaubt er dem Vater, einem Ritterauf Schloß Chateauroux in Berry, nicht eher, daß er sich entmannthat, als bis er ihm die dabei erlittenen Schmerzen wahrheitsgetreugeschildert hat; kaum mehr als dieser Zug ist neben den Mordenerhalten geblieben in einer Erzählung einer aus dem 14. Jahrhundertstammenden Erlanger Handschrift, und verballhornt ist er in deretwa gleichzeitigen Compilacio singularis exemplorum. In dem 1485erschienenen Esopo des Neapolitaners Francesco del Tuppo spielt dieGeschichte in Neapel, der schwarze Sklave wird für das nicht näherbezeichnete Vergehen nicht bestraft, sondern nur mit Strafe bedroht;trotzdem muß sich der Edelmann nicht nur die Nase abschneiden,sondern sich auch entmannen, natürlich mit demselben negativenErfolg. In Majorca lokalisiert die Geschichte etwa um dieselbe Zeitmit weitern Ausschmückungen der neapolitanische Staatsmann Joh.Jov. Pontanus in dem Traktat De obedientia, und damit ist ihr, überden ihn ausschreibenden Novellisten Matteo Bandello, der Weg in dieUnterhaltungsliteratur gebahnt: diese Fassungen brauchen wir nichtweiter zu verfolgen; hervorheben wollen wir nur noch eine englischeBallade, eingetragen in die Register of the Stationers Company zwischenJuli 1569 und Juli 1570, die in Rom spielt, und eine ganz frei mitdem Stoffe schaltende, 1556 in der Nähe von Augsburg handelndeVersion, die Damian Knebel, Sekretär des Grafen von Hanau, demGrafen Philipp von Nassau und Melanthon seinen Hörern erzählt hat.
Nun, hier gibt es keinen Zweifel: mag sich der Stammbaum sooder so verzweigen, seine Wurzeln hat er in der arabisch-indischenGeschichte, die leicht zu einem Roman auszuspinnen wäre, oder, wennsie eine gehabt hat, in ihrer Vorlage; darüber können uns die ver-schiedenen Ortsangaben ebensowenig täuschen wie die sonstigen