Schwierigkeit der Entscheidung. 15
dann aber ließ er die von ihnen abgelegten Lumpen, die sie trotzallen Bitten nicht zurückbekamen, verbrennen und bereicherte sichan dem Gold und Silber, das neben der Asche übrig blieb. Ebensohat, wenn man dem vom 25. Oktober 1583 datierten, also mehr alsdrei Jahrhunderte nach Ezzelins Tod geschriebenen dritten Reise-briefe des Fürsten Christoph Nikolaus Radzivill trauen darf, einSultan in Kairo gehandelt, weil er Gold zur Erbauung einer Moscheebrauchte (Bewehrtes Reißbuch, Nürnberg, 1659, 2 °6). una " a ^ s dritterim Bunde sei der Großmogul Aurangseb genannt, der, nach derStoria do Mogor von Niccolao Manucci (transl. by W. Irvine, 1907,I, 229) und andern Schriftstellern (ebendort, IV, 225), noch als Statt-halter des Dekans genau denselben Streich in Burhänpur aufgeführthat. Hat da ein Herrscher von dem andern gelernt? oder hat einLiterator von dem andern abgeschrieben ? oder ist alles mündlicheÜberlieferung wie in dem entsprechenden sogenannten Märchen, dasauf Rhodos aufgezeichnet worden ist (Paul Hallgarten, Rhodos, 1929,145) ? Oder sind dies voneinander unabhängige Geschehnisse, so daßauch die Geschichten unabhängig wären ? Oder schließlich: ist esdenn nicht auch möglich, daß die älteste Geschichte in dieser Reiheerfunden ist, die jungem aber wahr sind, etwa wie heute ein Ver-brecherfilm die Lust zur Nachahmung weckt ? Gewiß: in diesem Fallewird man sich ziemlich allgemein für die Auffassung entscheiden, daß,wenn schon eine Geschichte wenigstens als subjektiv wahr genommenwerden soll, dies die älteste sein werde, von der die andern abhängten;aber liegt es nicht in diesem wie in jedem andern Fall in dem Beliebendes Hörers oder des Lesers, was er glauben will ?
Nun, die Entscheidung der Willkürlichkeit ist anders, wenn der Willegut, ar.dcrs, wenn der Wille schlecht ist. Nizäml, dessen Held Bahräm Gürden Gedanken, so wie König Nu'man einen Baumeister nach vollbrachtemWerke töten zu lassen, von sich weist, hat schwerlich von dem PrinzenBodhiräja der buddhistischen Schriften mehr gewußt als Alberedavon Bayeux, die, etwa acht Jahre nach Nizämls Tod, den BaumeisterLanfred nach Vollendung des Schlosses von Ivry hat enthauptenlassen, auf daß er nirgends mehr etwas Ähnliches baue, oder als dererste Erzähler jener in einer spanischen Romanze erhaltenen Ge-schichte von dem Maurenkönig, der den Erbauer der Alhambra mitdem Tode belohnt haben soll; daß hingegen Sagen wie die, die sichan den Moskauer Kirchenbau Iwans des Schrecklichen oder an MeisterHabrechts Uhr in Straßburg knüpfen, oder der entsprechende Zugin dem irischen Märchen von Goban Saor unabhängig entstandenwären, darf wohl bezweifelt werden. Der biblische Joseph, der seinenWeissagungsbecher in Benjamins Sack stecken läßt, mag ein Vorbildgewesen sein für den Bösewicht in manchen Märchen oder für Rübe-zahl bei dem Streiche, den er dem Schuhknecht spielt, oder für denHerbergswirt in der Jakobs-Legende; sicher aber hat sein Beispielweder der König des Jätakas gebraucht, der sein Kronjuwel ver-wendet, um den Gatten der geliebten Frau aus dem Wege zu schaffen,noch der Soldat des Dhammapada-Kommentars, der einen köstlichenEdelstein in das Gepäck eines Reisenden verbirgt, noch die Dtlpher,als sie die geplante Hinrichtung Aisops rechtfertigen wollten.