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Versuch einer Theorie des Märchens
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14 Wanderung einer Geschichte oder selbständiges Entstehen ?

Statt den Teraphim ins Bett und deckt ihn mit Kleidern zu, und dieBoten glauben, daß David krank sei. Die Mohammedaner haben dieseGeschichte merkwürdig ausgesponnen: nach Bel'amls persischer Über-tragung von Tabarls Geschichtswerk (ed. H. Zotenberg, 1867 f., I, 423)legt David einen Schlauch Wein in sein Bett und bedeckt ihn miteinem Kleide; Saul, der David mit einem vergifteten Schwerte zutöten vermeint, schlägt den Schlauch entzwei und sagt, als der Weinausfließt:Er hat gestern viel Wein getrunken", dann aber begreifter die List. In der Erzählung von der schönen Sapia Liccarda beiGiambattista Basile (iorn. III, tratt. 4) läßt sich die Heldin in derHochzeitsnacht von einer Zuckerpuppe vertreten; als der Gatte denDolch ableckt, womit er diese, in der Meinung, es sei seine Frau,durchbohrt hat, bekommt er es mit der Reue zu tun, ein so süßesMädchen getötet zu haben. Hängt dieser mit der Erzählung Basilesoft nachgeahmte Zug (Wesselski, Erlesenes, 1918, 36, n. 1; Bolte-Polivka, IV, 222, n. 1) mit der mohammedanischen Legende vonSaul und David zusammen ? Und wie ist es mit dem so häufigenverwandten Motiv von dem Schwachen, den ein Starker im Schlafegetötet zu haben glaubt, der aber am Morgen ganz unschuldig klagt,in der Nacht habe ihn Ungeziefer gebissen (Köhler, I, 32g) ? Ist etwader Riese Skrymir der Gylfaginning, der nach den HammerstreichenThors anscheinend harmlos sagt, es sei ihm ein Blatt, eine Eicheloder Vogelmist auf den Kopf gefallen (Bolte-Polivka, I, 164), einNachfahre des gotischen Märtyrers und Heiligen Saba, dem ein Schergedie Keule mit solcher Wucht an die Brust schleudert, daß alle meinen,nun sei es aus mit ihm, der aber seinem Peiniger antwortet:Es istso, als hättest du mich mit einer Wollflocke beworfen" (Hipp.Delehaye, Les passions des martyrs, 1921, 147; Ruinart, Acta sincera 2 ,1713, 603) ? oder ist er zu dem indischen Riesen zu stellen, den man,um ihn zu wecken, von Elefanten treten läßt, der aber nicht mehrfühlt als ein Mensch, dem eine Ameise oder eine Fliege über den Leibkriecht (J. A. Dubois, Hindu Manners, 1897, 516) ?

Oder: Der Giovanni Schicchi, der, nach Dante, für einen ebenVerstorbenen, in dessen Bett er sich legen mußte, ein Testamentgemacht hat die Geschichte ist derzeit weniger aus der Commediaunmittelbar, als aus Puccinis Oper bekannt, ist sicherlich dasVorbild geworden für die Helden von Novellen Cademostos und Gra-nuccis und von J. F. Regnards Legatoire universel, kehrt wohl auchin einer der Legends of Florence wieder, die Charles Godfrey Lelandangeblich aus dem Volksmund aufgezeichnet hat, die aber aus Or-lando Pescettis Proverbi ital ani (1603) stammt, und in einer ineinem englischen Dorfe spielenden Anekdote der Encyclop&liana; ister aber nicht vielleicht selber ein Abkömmling jenes Artemon, dendie Königin Laodike benützt hat, auf daß er, ihren Gatten Antiochos II.spielend, der schon tot war, ihrem Sohne Seleukos die Thronfolgezuspreche ?

Oder: Messer Ezzelino da Romano, der Schwiegersohn KaiserFriedrich- IL, hat, wie in den Novelle antiche (Gualteruzzi, n° 84)zu lesen ist, alle Bettler von weit und breit zu sich geladen mit demVersprechen, jedem außer einem Mahle ein neues Kleid zu geben;