Wanderung einer Geschichte oder selbständiges Entstehen ? 13
Listen wie Verkleidung, verkehrtes Anziehen der Schuhe und ver-kehrter Hufbeschlag, Berauschung des Stärkern, Scheintod, Vor-täuschung eines Lebensmittelüberflusses bei einer Belagerung, dasZopyros-Motiv, das Trojanische Pferd oder die Schläuche mit Be-waffneten drin, die Gefahren der Landreise und noch mehr der Schiff-fahrt, Verbrennen der Schiffe nach der Landung —, das sind nurAusschnitte aus einzelnen Sektoren des Riesenkreises, der die Bezie-hungen von Mensch zu Mensch umfaßt; nehmen wir dazu noch dieBeziehungen zwischen Mensch und Tier, zwischen Herrn und Hund,Roß und Reiter, dem Menschen und dem ihm anhänglich gewordenenoder von ihm gezähmten Raubtier, den nachahmenden Affen, dendiebischen Vogel, aber auch die unwirtliche Wildnis, den sich ver-finsternden Himmel, den tötenden Blitzstrahl, den einen Scheiter-haufen löschenden Regen, so bleiben wir noch immer auf dem schiergrenzenlosen Felde der Motive des wirklichen oder möglichen Ge-schehens, der objektiv oder nur subjektiv wahren Geschichte, undwir erkennen, daß die Varianten, die sich ergeben, sich ergeben müssen,unzählig sind.
Aus dem Erzählen, aus der Mitteilung, wodurch ein Geschehenzu einer Geschichte wird, folgt die dieser innewohnende Tendenz,sich zu verbreiten: nach dem ersten Erzähler, dem Zeugen desGeschehenen, wird schon der, dem sie zuerst erzählt worden ist, wieder«um Erzähler, und die Kette der Erzähler überwindet Raum undZeit. Obwohl nun das Außergewöhnliche, das der Geschichte zugrundeliegt, mehrmals, an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten,geschehen sein kann, besteht doch auch die Möglichkeit, daß dieGeschichte, die Erzählung eines solchen Geschehens, gewandert ist,daß sie von ihrem ersten Träger auf einen andern übertragen wordenist, und diese Möglichkeit steigert sich oft zur Wahrscheinlichkeit;darum legt die wissenschaftliche Beschäftigung mit solchen Dingendie Pflicht einer gründlichen Untersuchung auf, ob die zwei oder dreioder vielen Geschichten unabhängig voneinander sein können oderob die eine oder andere nur, mutatis mutandis, nacherzählt wordenist. Beispiele:
Nach Hygin, der ein verlorenes Drama von Euripides auszieht(Fab. 4; s. auch Fab. 1), hat Ino den Auftrag ihrer NebengemahlinThemisto, deren Kinder weiß, ihre aber schwarz zu bedecken, geradeumgekehrt ausgeführt, so daß Themisto anstatt der Kinder Inos dieeigenen umbringt, und in einem Jätaka (n° 432) hilft eine Frauihre Mutter den Krokodilen vorwerfen, weil ihr Gatte das Zeichen,woran das Bett seiner Mutter zu erkennen sein sollte, an dem Betteihrer Mutter, seiner Schwiegermutter, angebracht hat; kann oder mußda eine Geschichte von der andern unabhängig sein? oder sollenvielleicht auf die indische oder die griechische oder auf eine dritteGeschichte, die die älteste gewesen wäre, auch die unzähligen andernVerwendungen des Motivs der vertauschten Kennzeichen zurück-gehen, die seit Perraults Petit poucet aufgezeichnet worden sind ?
Oder: Die Bibel (1 Samuel, 19) erzählt, wie Davids Gattin dieBoten ihres Vaters, des Königs Saul, täuscht: sie legt an Davids