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Versuch einer Theorie des Märchens
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12 Motive der Einfachen Form.

die Komponenten, deren Resultante jeweils das Geschehen ist, dasGegenstand einer Geschichte wird. Und die Geschehnisse folgeneinander und auseinander, sie verketten sich zu Reihen, sie ballensich zu Gruppen; dasselbe geschieht mit den Geschichten, und dasErgebnis wäre, wenn es aufgezeichnet würde, Geschichte.

Die Elemente dieser Berichte von Geschehenem oder dieser Ge-schichten dürfen wir genau so, wie wir es bei dem Märchen tun,Motive nennen, und sie zu sammeln, sie auf ihre Entstehung und Ent-wicklung zu untersuchen, sie dem Gesellschafts- oder Kulturzustande,dem sie in dieser oder jener Form entstammen, zuzuweisen, sie alsozu kategorisieren und zu katalogisieren, ist oder wäre Aufgabe der-selben Wissenschaft, die sich mit dem Märchen befaßt; daß dies bisherversäumt worden ist oder daß die hin und wieder angestellten Be-mühungen fruchtlos geblieben sind, erklärt sich aus der Tatsache,daß man die Märchenmotive allesamt in einen Topf geworfen undkaum daran gedacht hat, das Wirkliche oder als wirklich Erscheinendevon dem als irrational Erscheinenden oder Irrationalen zu trennen.Im Märchen vereinigt sich das Motiv der bösen Stiefmutter mit demMotiv des hilfreichen Tiers, das die verstorbene richtige Mutter neuer-dings leibhaftig macht, und so stellte man die zwei Motive neben-einander, ohne zu überlegen, daß die böse Stiefmutter dagewesen ist,früher dagewesen sein muß, als man sie begrifflich verallgemeinerthat, während die allnächtlich wiederkehrende, das arme Kindbetreuende Kuh das Ergebnis einer Konstruktion ist: die tote Mutterin der Gestalt eines lebenden Tiers ist ein Märchenmotiv, sie kannMotiv eines Mythos sein, aber als ein Motiv der Einfachen Erzählungs-form, des Berichtes von Geschehenem, der Geschichte wäre siewenigstens jetzt kaum irgendwo in unsern Gegenden möglich.

Indem wir nun einige wenige Beispiele von Motiven der Ein-fachen Form geben, wie sie sich aus den Umständen des Gemein-schaftslebens entwickelt haben, weshalb wir sie Gemeinschaftsmotivenennen dürfen, müssen wir, um eine gewisse gegenständliche Ordnungaufrecht zu erhalten, auf die sowieso oft unsichere zeitliche Anordnungverzichten, so daß Motive aus vorgeschrittenen Epochen neben solchenaus dem Schöße der Zeiten zu stehen kommen. Erlaubte und sündigeLiebe, Mädchen- und Frauenraub oder -entführung, Gattenwahl desMädchens, Freierproben, Unterschiebung einer andern für die richtigeBraut, verschmähte Liebe samt der Rache, wissentlicher oder unbe-wußter Inzest, Kinderlosigkeit, Kindesaussetzung, Recht des Erst-oder des Letztgeborenen, Vorwurf der unehrlichen Geburt an denvermeintlichen Bankert, Auferziehung eines Mädchens als Knabe,Witwentreue oder -untreue, Zweikampf zwischen Vater und Sohn,Treulosigkeit der Brüder oder der Gefährten, Selbstlosigkeit desFreundes, Übertretung eines Verbots, buchstäbliche Auslegung einesVersprechens oder eines Eides, Rechtlosigkeit des Fremdlings, Nicht-vollzug einer Hinrichtung, Vorweisen eines Tierherzens anstatt desHerzens des zu Ermordenden, Ermordung des Mörders, um die Mord-anstiftung geheim zu halten, Selbstverurteilung des Schuldigen, Uria-Brief oder -Auftrag, Vernachlässigung der Herrscherpflichten durchden verliebten König, betrügerischer Tausch, Kauf und Verkauf,