Geschehenes und Geschehendes. II
andern Geschichte, der Historie. Hinaus aber über den Kreis derdurch das Geschehene in Gutem oder im Bösen Betroffenen wird dieGesch'chte nur dringen, wenn das Geschehene an sich außergewöhnlichist oder durch die Begleitumstände außergewöhnlich wird; das gewisser-maßen regelmäßige Geschehen bei der Familie in der Höhle oder derHütte, bei dem Stamme, ob er seßhaft ist oder nomadisch, ist allenandern Familien oder Stämmen, die dasselbe oder ähnliches alltäglicherleben, gleichgültig, und erst das Besondere rechtfertigt die Mit-teilung. Anders steht es, wenn ein Fremdling Zeuge oder Beobachtergeworden ist: dem kann auch eine Durchschnittsgeschicute, weil sieauf Verhältnissen beruht, die ihn absonderlich dünken, mitteilenswerterscheinen, und oft ist es weniger das einzelne Geschehen als seineGrundlage, die zur Erzählung reizt. Der Fremde erzählt in seinerHeimat von dem Brauchtum des oder jenes Volkes, die Überalterten,die Greise, zu töten; für den Einheimischen kommt als Unterlageeiner Geschichte nicht dieses ihm selbstverständliche Brauchtum,sondern erst ein Geschehnis in Betracht, das den Brauch bricht, javielleicht den ersten Anstoß zu seiner Abschaffung gibt. Der Fremdlingberichtet von dem Frauenrechte eines Stammes; der Stamm selberverzeichnet die jeweilige Forterbung der Häuptlingswürde nach derKunkelseite nicht, wohl aber wird vermerkt und den künftigenGeschlechtern überliefert, daß etwa ein Starker die Verbindung mitdem Weibe oder der Tochter des von ihm erschlagenen Häuptlingszurückgewiesen und sein Recht auf seine Macht gestellt hat. Daß demVerstorbenen die Lieblingsfrau, die Sklaven und das Streitroß ins Grabfolgen, ist bei einem gewissen Gesellschaftszustand oder auf einergewissen Kulturstufe eine Selbstverständlichkeit, fällt aber Leutenauf, bei deren Volk solches schon vergessen oder nie erhört wordenist, und ebenso verhält es sich mit Menschenopfern und Menschen-fresserei, mit Pubertätsriten und Ordalien':'" hier ist dann der Berichtnicht nur eine Geschichte von Geschehenem, sondern auch vonGeschehendem.
Von Stufe zu Stufe steigt der Mensch und, wenn er ein Großerund darum einflußreich ist, mit ihm der Stamm zu höhern Kultur-zuständen auf, und der führende Stamm nimmt das ganze Volk mit;die einfachen Formen des Gemeinschaftslebens verwickeln sich, dieTatsachen finden eine andere Wertung, alte Begriffe schwinden oderfüllen sich mit neuem Inhalt, neue entstehen. Was heute nochbemerkenswert war, also zum Gegenstande einer Geschichte taugte,findet morgen, weil alltäglich, keine Beachtung mehr; wesentlich jedochund bestimmend, weil bleibend, obwohl in sich veränderlich, ist dasVerhältnis des Einzelnen zu der Gesamtheit, der Gesamtheit zu ihrenTeilen und der Einzelnen zu- und untereinander. Mann und Weib,Eltern und Kinder, Herr und Knecht und Magd, Frau und Knechtund Magd, Mann und Mann, Häuptling und Stamm usw., usw., alleausgestattet oder behaftet mit Eigenschaften wie Tapferkeit oderFeigheit, Stärke oder Schwäche, Schönheit oder Häßlichkeit, Klug-heit oder Dummheit, Wissen oder Unwissenheit, Treue oder Falschheit,' Keuschheit oder Zügellosigkeit, Gehorsam oder Eigenwilligkeit, Hab-gier oder Freigebigkeit, Güte oder Rachsucht —, schier zahllos sind