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Versuch einer Theorie des Märchens
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10 Die älteste Form der Erzählung: die Geschichte.

aus der stillen Kraft des Ganzen" unberührt läßt, das liegt an demUmstände, daß man diese Koordination beibehalten, daß man Märchen,Sage, Mythos immer nur gemeinsam und auf ihr Verhältnis unter-und zueinander untersucht hat: die bunten Falter, in deren Flügelndas Sonnenlicht schillerte, wurden in der Luft gehascht, um auf denSeziertisch gelegt zu werden, und die unscheinbare Raupe durfteunbeachtet durch das Dunkel des Grases und den Sclimutz des Bodenskriechen. Übersehen wurde, daß allem, Märchen, Mythos und Sage,die schlichte Tatsachenerzählung vorangehen muß, der Bericht vonetwas Geschehenem, die Geschichte also, das Wort in der altenBedeutung genommen, die heute zu Gunsten der Bedeutung Historiezurückgetreten ist.

Für den Bericht einfacher Tatsachen genügt wohl schon eingeringeres Ausdrucksvermögen, als es durch den Terminus der Laut-gebärde oder gar den der Sprache umschrieben wird, was natürlichbei dem Mythos, dem Märchen, der Sage nie zutreffen kann.DerHäuptling ist tot."Wie ist das zugegangen?"Er war aufder Jagd, und er bekam Durst, und er beugte sich zu dem Brünnleinnieder, und derundder hat ihn tückisch erschlagen." Es mögenZweifel bestehen, ob der Kulturzustand, der sich nicht so sehr in derTatsache der Jagd ausdrückt, wie in dem Urteile, daß eine Tat Tückevoraussetzt, vereinbar wäre mit einem noch bestehenden Mangel ansprachlichen Bezeichnungen, an Wörtern wenigstens für die primi-tivsten Tätigkeiten und Verhältnisse; aber: wenn schon einmal diesesso elastische, so vielbezügliche Wortprimitiv" gebraucht wordenist: die primitivsten Zustände der Menschheit, die uns nicht aus An-schauung kennen zu lernen gegeben ist, die uns Ethnologie, Anthro-pologie und Prähistorie kaum zu erschließen imstande sind, sie gehenuns bei dieser Untersuchung nichts an, und wenn eine Grenze gezogenwerden soll, unter die wir auf keinen Fall hinabzugehen brauchen,so wird sie durch die Erfassung des Begriffes Mutter bestimmt, vondem ein weiter Weg zu dem Korrelat Vater führt.Bei der Mutterwar ein Mann, und der andere ist dazugekommen, und sie haben ihnumgebracht." Die soziologischen Verhältnisse, die sich in dieserGeschichte ausdrücken, sind wesentlich anders als die, die für diefolgende gelten müssen:Die Herrin hat dem Knechte nachgestellt,und er hat sie abgewiesen, und da hat sie ihn bei dem Herrn ver-leumdet, und der hat ihn bestraft." Und es kommt der Besitz unddas Eigentum, der Angriff auf beides, seine Abwehr durch das Gesetzund schließlich der Mißbrauch des Gesetzes durch den Machthaber:Der König wollte einen Weinberg haben, und er bot dem Besitzereinen andern dafür, aber der weigerte sich, und da ließ die Königindie Anklage erheben, er habe Gott und den König gelästert, und erwurde gesteinigt, und der König nahm sich den Weinberg." Und mitjeder neuen Tatsache, die in dem Gemeinschaftsleben der Familie,des Stammes, des Volkes in Erscheinung tritt, wie etwa die Erfindungvon besserm Werkzeug, die Entdeckung von Genußmitteln wie Salzund Gewürz, verbindet sich neues Geschehen, neue Geschichten.

Dabei ist es begreiflicherweise unwesentlich, ob die Geschichteobjektiv oder subjektiv berichtet, ob sie wahr ist in dem Sinne der