Druckschrift 
Die menschlichen Nahrungs- und Genussmittel, ihre Herstellung, Zusammensetzung und Beschaffenheit, nebst einem Abriss über die Ernährunglehre
Entstehung
Seite
194
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

194 Veränderungen der Nährstoffe durch Verdauung and ihre Aufgabi für die Ernährung.

4m'-

aufsaugung wesentlich herabgesetzt; ferner wird bei Abwesenheit von Galle das Ver-hältniss von Fettsäuren und Neutralfett derart verändert, dass etwa 8090 °' 0 desmit dem Koth unausgenutzt ausgestossenen Fettes aus Fettsäuren bestehen, dagegenunter regelrechten Verhältnissen nur etwa '/^mal soviel, nämlich 3040°/ 0 (Röhinannund Munk). Die Art und Weise der Wirkung der Galle ist noch nicht Völlig auf-geklärt. Nach der einen Ansicht bringt die Galle die Fette in einen fein vertheiltenZustand, in eine Emulsion und befördert dadurch ihre Aufnahme, nach der anderenvermag dieselbe wie ebenso Pankreassaft die Glyceride in freie Fettsäurenund Glycerin zu spalten, d. h. zu verseifen, indem sich durch die Umsetzung mitden gallensauren Natriumsalzen fettsaures Natrium bildet (M. Nenckii 1 ).

In der Verseifung der Fette kann aber nicht die wesentliche Wirkung der Galle fürdie Fettverdauung liegen, weil, wie schon gesagt, bei Ausschluss der Galle (wie auch desPankreassaft.es) das im Koth ausgeschiedene Fett zum allergrösstenTheile aus freien Fett-säuren besteht. Das Auftreten freier Fettsäuren kann auch durch das fettspaltondeEnzym, das Steapsin oder die Lipase, welche im Pankreassaft und Blut nachge-wiesen sind, bedingt sein. Wenn aber auch bei Ausschluss von Galle und Pankreas-saft grosse Mengen freier Fettsäuren im Koth auftreten, so muss die Bildung der-selben im Darm vor sich gegangen sein, indem sich entweder auch im Darm fett-spaltende Enzyme finden oder Lipase aus dem Blut in den Darm übertritt.

Kastle und Loewenhart 2 ) gewannen die Lipase in der That aus vielenthieri-jcheu Organen (Leber, Bauchspeicheldrüse, Dünndarm, Magen, Uuterkieferdrüseund Nieren); sie spaltet einen Ester um so leichter, je grösser das Molekulargewichtder zugehörigen Säuren ist, und vermag auch in umgekehrter Weise eine synthetischeWirkung zu äussern, indem sie aus Buttersäure und Alkohol wieder Buttersäure-ester zu bilden im Stande ist.

Ebensowenig wie die Fettspuitung ist der Uebergang des Fettes ins Blutvöllig aufgeklärt. Nachdem J. Munk 3 ) nachgewiesen hat, dass auch die demthierischen Körper fremden Fette, wie Eüböl und Hammeltalg, als solche im Körpereines Hundes abgelagert werden, so nimmt man vielfach an, dass das Fett als solchesin feinster Emulsion aufgenommen werden könne, und sucht diesen Vorgang so zuerklären, dass bewegungsfällige, wandernde Zellen (Protoplasmazellen) aus dem Binde-gewebe der Schleimhaut, zwischen den Cylinderzellen durch, an die Oberfläche kommen,dort das Fett aufnehmen, gleichsam fressen ähnlich wie gewisse niedere Thiere,die Rhizopoden etc. überhaupt ihre Nahrung aufnehmen und mit dem Fett be-laden in die Milchsaftgefässe des Darmes zurückkehren, um es in diesen abzulagern.Man nennt diesen Vorgang in Bezug auf die Fettaufnahme bei den höheren Thierendie interepitheliale Resorption; für die Betheiligung der Cylinderepithelzellenbei der Fettaufnahme spricht die Thatsache, dass die Verbindungswege dieser Zellenmit den Milchsaftgefässen. welche jetzt hinreichend bekannt sind, während der Ver-dauungszeit stets reichlich mit Fetttröpfchen angefüllt gefunden werden. Da Farb-stoffkörnchen, selbst wenn deren Grösse gleich der der feinen Fetttröpfchen ist, vonden Cylinderepithelzellen nicht aufgenommen werden, so scheint im Darm eine Aus-

*) Archiv f. experim. Pathel. 20, 3(i".

2 ) Americ. Chem. Journ. 1900, 24, 491; vergl. Zeitschr. f. Untersuchung d. Nähr.- u. Genuss-mittel 1901, 4, 004.

3 ) Virchow's Archiv f. pathol. Anatomie u. Physiol. etc. 1884, 95, 407 u. 1891, 12:}. 184.