392 Die Römer während der Ausbildung ihrer Staatsverfafsung
fand und dafür den Ausweg wählte, eine Obrigkeit mit ausgedehntesterBefugniß ohne ihre Mitwirkung zu ernennen. Der Diktator wurdedurch den Senat bezeichnet und von einem der Prätoren verkündigt,erhielt durch die Curien das Imperium, setzte durch seinen Amtsantrittdie Prätoren außer Thätigkeit, erhielt als Zeichen seiner Macht 24 Lic-toren, bekleidete sein Amt, gegen dessen Entscheidungen keine Berufunggalt, 6 Monate mit unumschränkter Vollmacht in Bezug auf Heeresbe-fehl und Vorkehrungen zum Kriege, aber ohne gesetzgeberische Befugniß,und hatte einen Gehülfen, der nöthigenfalls auch sein Stellvertreterward, in dem von ihm ernannten Reiterbefehlshaber, während er imFalle der Noth auch noch einen der Prätoren oder beide besonders aus-senden konnte. Der erste Diktator erscheint im Jahre 501 in TitusLarcius Flavus. Der zweite, Aulus Postumius Albus, gewann im Jahre496 an dem kleinen jenseits Gabii gelegenen See Regillus eine ent-scheidende Schlacht, wo der Diktator mit Tarquinius, der Neiterbefehls-haber mit Octavius Mamilius gekämpft und wo ein Jünglingspaar vonübermenschlicher Größe, wie die Griechen sich die Dioskuren Kastor undPollur dachten, an Erkämpfung des Sieges geholfen haben soll. Tar-quinius, der hier den letzten seiner Söhne verloren, starb bald zu Cumäbei dem Tyrannen Aristodemus, der noch kurz vorher zu der Nieder-lage des Porsena bei Aricia mitgewirkt hatte. Die Latiner aber tratenim Jahre 493 auf Betreiben des Prätors Spurius Casskus Viscellinusin das alte auf dem Grundsätze der Gleichheit ruhende Bundesverhält-niß, die Jsopolitie, welche sieben Jahre später, als Cassius wieder Prä-tor war, auf das Volk der Herniker ausgedehnt wurde.
11. Schon während der verflossenen Jahre der Republik warenSabiner, Volsker und Aequer durch häufige Angriffe und Einfälle alsFeinde der Römer aufgetreten. Sie blieben es auch, ohne daß ein ent-scheidendes Ercigniß das Verhältniß änderte, noch geraume Zeit. Wich-tiger aber, als die sich immer einförmig wiederholenden Kämpfe mitihnen, sind die Kämpfe, welche sich im Innern des Staates zwischen denbeiden Ständen entspinnen. Daß die Patricier sich als die eigentlichenTräger des Staates auffassen und daß die Plebejer in der That einensehr wesentlichen Bestandtheil desselben, ohne den Rom sich nicht alsStaat behaupten könnte, ausmachen, erzeugt eine scharfe Spannung unddie Nachtheile, in welche die Patricier als Leiter der öffentlichen Ange-legenheiten einzelne Plebejer versetzen können, gibt der Gesammtheit derPlebejer einen um so stärkeren Antrieb, eine günstigere Stellung zu er-streiten. Was durch die Servianische Verfassung und durch deren Er-neuerung für die Plebejer geschehen war, konnte leicht so unwirksamgemacht werden, daß die Masse derselben nicht zum Genüsse der einge-räumten Rechte gelangte. Für persönlich ungünstige Lage fand sich