Die Aegyptier.
49
vorschob, nur durch die leicht zu sperrenden Flußmündungen einen Ein-tritt ins Land und wies die Bewohner nicht auf die Gründung vonHafenstädten und auf den Verkehr mit dem Meere hin. Westwärts lagder Ocean der großen Sandwüste und ostwärts der für die Schiffahrtin seinen nördlichen Theilen ungünstige arabische Meerbusen. Im Südenaber führte nur das schmale Flußthal in die jenseits gelegenen Länder.Innerhalb des so abgegrenzten und abgeschlossenen Raumes drängte sichdas ganze Leben der Bewohner an dem das Land von Süden nachNorden durchziehenden Strome so zusammen, daß dasselbe von ihm gänz-lich bedingt erschien. Wie er die Hauptverbindung zwischen den ver-schiedenen Theilen des Landes bildet, ist auf sein oft nur zwei, nie mehralS vier Meilen breites Thal und auf den erweiterten, unterhalb derersten Stromspaltung zwischen seinen äußersten Armen liegenden dreieckigenRaum, Delta von den Griechen genannt, der Anbau des Landes beschränkt.Rechts und links, erst bei dem Beginne des Deltas sich von dem Flusseentfernend und links sich in die Wüste verlierend, ziehen sich kahle, wüsteGebirge hin. Die Bevölkerung dieses engen Raumes ernährt der Nilallein und ernährt sie reichlich. Der Regen ist in Aegypten eine Sel-tenheit und die Befruchtung des Landes ist das Werk einer Eigenthüm-lichkeit, die kein anderer Strom der Erde in gleichem Maße hat. InFolge der Regen, welche in dein oberhalb Aegypten gelegenen Lande,von den Griechen Aethiopien genannt, eine Menge von Thälern füllen,tritt der Nil, zu welchem diese Wasser eilen, jährlich zur Zeit derSommersonnenwende über seine Ufer, um das Land weithin zu über-schwemmen. Der fette Schlamm, den seine Gewässer beim Fallen zu-rücklassen, gibt dem Lande eine Fruchtbarkeit, die, durch gehörige Arbeitgefördert, eine im Verhältniß zu der Ausdehnung des anbaufähigenLandes ungeheure Menschenmenge erhält. Die Wohlthat des Flusseszu steigern und zu verbreiten war von jeher die Aufgabe der Anwohner.Auf den Schutz, den bei andern regelmäßig austretenden Strömen derMensch in Dämmen sucht, mußten sie verzichten, weil sonst der Flußdem Lande die Nahrung entzogen und durch Ansetzen des Schlammesauf seinem Boden das Bett immer höher über das benachbarte Land er-hoben haben würde. Die Dämme, die sie bauten, dienten nur, dasWasser an gewissen Stellen zu längerem Verweilen und dadurch zustärkerer Ablagerung des Schlammes zu zwingen. Die Menschen wurdengeschützt durch die Hügel, die man anhäufte, Städte und Dörfer darauf zuerbauen. Vielfache Canäle aber, deren Anlegung und Erhaltung die aus-dauerndste Arbeit forderte, leiteten das Wasser dahin, wohin es in natür-lichem Laufe nicht gekommen wäre. Zugleich sah der Aegyptier den Stroman Erhöhung des Landes und an Hinausrückeu seiner Grenzen gegendas Meer hin fortwährend arbeiten. Schichtenweise lagert sich der
Kiesel, Weltgeschichte. I.