„Vater, heilige sic in Deiner Wahrheit!" Gehalten 1520. 205
ches bitten wir keineswegs im Vertrauen auf einige unsrer Tu-genden, sondern zu Dir flehen wir, und mit Zuversicht aufDeine Fürbitte nahen wir dem ewigen Vater-, Dir empfehlenwir diese unsre Wünsche, um sie nebst den Dcim'gcn vor denewigen Vater zu bringen! Denn Du hast uns solches zu bittenbefohlen. Du fügst aber auch in diesem Deinem festlichen Ge-bete die Worte hinzu: „Auf daß die Liebe, damit DuMichliebest, sei in ihnen!" Du bittest, daß der ewige Va-ter mir derselben Liebe uns umfassen wolle, mit welcher Er denSohn umfaßt! Was konnte Größeres erbeten weichen? Oderwelches glänzendere Zeugnis Deiner unendlichen Liebe gegen unsmag man sich denken, als diese Empfehlung eben, welche Dunachher auch mit Deinem Blute besiegelt hast?
Es übersteigt die Schilderung dieser hochwichtigen Dingealler Engel und Menschen Beredtsamkcit. Haltet cs mir darumzu Gute, daß ich so einfältig von so hohen Dingen rede. Esist ja, wie jenes Weib im Trauerspiele spricht, fast meine einzigeBecedtsamkeit die, daß ich bei der Erwägung der Noch der Kircheund der bekümmerten Liebe des Sohnes Gottes nur Thränenund Seufzen darbcinge. Euch aber bitte und beschwör' ich,leset oft diesen Abschnitt in der Erzählung des Johannes,und stärket durch fleißige Wiederholung den Glauben in Euch,in welchem man die Wohlthaten des Sohnes Gottes em-pfangen muß, und laßt Euch zur Betrachtung dieser hochwichti-gen Angelegenheiten und zur Anrufung ermuntern.
Ich gehe nkn zu dem Theil über, über welchen ich gegen-wärtig hauptsächlich sprechen wollte: „Vater, heilige sie inDeiner Wahrheit; Dein Wort ist die Wahrheit!"Diese Worte sind entlehnt aus dem achten Kapitel des 4. BuchsMose, wo Gott befiehlt, daß die Leviten durch den HohenpriesterAaron abgesondert, geheiligt, und (dem Herrn) dargebracht werdensollen. Dieses Vorbild nun steht in Beziehung aus diese Handlungdes Sohnes Gottes. Es bringt hier der Hohepriester zuerst sichselbst dem ewigen Vater dar; darauf empfiehlt Er demselben auchdie Diener des Evangelium und die gesummte Kirche. Er bit-tet, daß diese geheiligt, d. h. abgesondert werde von dem Gemei-nen, göttlichen Zwecken geweiht, und zu eigen angenommen,und mit göttlichem Lichte durchströmt, damit sie Gott recht er-kennen, anrufen, und durch Lehre und Wandel Ihn verherr-lichen möge, daß so die wahre Kenntniß desselben allenthalbenverbreitet werde. Aber nicht durch die Schatten Aaronischer Ge-