„Water, heilige sic in Deiner Wahrheit!" gehalten 1520. 207
Feinde erkennen, die in der Kirche herrschen, die sich groß rüh-men, ihnen sei rechtmäßiger Weise das Amt der evangelischenPredigt übertragen, worin sie zwar wahr reden, nur verfälschensie eben jene, dem evangelischen Lehramte anvertraute Stimmedurch sophistische Gaukeleien, und begründen in der Kirche Jrr-thümer, falsche Anrufung und abergläubigen Gottesdienst, wiediejenigen thun, welche in unsrer Zeit täuschend ausgeputzteBekräftigungen vieler alter Mißbräuche, wie der erdichteten Ueber-tragung des Abendmahls für Andere, der Anrufung Verstorbener,und mancherlei andern Aberglaubens ausstcllcn. Diese Leute sind,anstatt mit dem Reinigungswasscr, mit verführerischer Ränkekunstbesprengt, und besprengen mit dem nämlichen Neim'gungswasferauch Andere. Sie wollen sich nicht heiligen lassen durch dieWahrheit oder das göttliche Wort, sondern mischen vielmehr mitvecdammungswürdiger Keckheit sogar ihr Gift unter das göttlicheWort. Sollten dergleichen auch hier sich eindrängen, so wisset,daß ihr sie zu meiden habt; um sie aber meiden zu können, mußman mit den Quellen der Lehre sich recht bekannt machen. Dennauch dieß Gebot ist im Ausspruche Christi: „Dein Wort istdie Wahrheit," begriffen, daß wir dieses Wort lesen, hören,lernen sollen. Diese jugendlichen Mühen des Lesens und Ler-nens werden Euch hier geboten. Und gerade in dieser Hinsichtist die Nachlässigkeit Vieler über die Maßen groß, welche, sei esaus Trägheit, sei es wegen häuslicher Sorgen, das Lesen unter-lassen, und was das Albernste ist, träumen, die ganze Weisheitder prophetischen und apostolischen Schriften gänzlich erschöpftzu haben. Solcher anmaßender Dünkel ist äußerst schimpflich.
Sodann ist auch das zu erwägen, um wie vieler Ursachenwillen das Lesen oder Hören nothwendig ist. Zum Ersten kannman den wesentlichen Inhalt der Lehre im Zusammenhänge undvollständig weder lernen noch auffassen, wenn man nicht d i e Bü-cher, welche von Gort der Kirche gegeben worden, entweder liestoder hört. Keineswegs auch werden so wichtige Sachen mit Ei-nem Male gefaßt. Auch reichbegabte Menschen verstehen das Ge-lesene oder Vorgetragene besser, wenn sie dasselbe öfters wieder-holen, und mit Nachdenken dabei verweilen. Und cs ist nichtetwa genug, gleichsam einen Lappen von der Lehre mit wegzu-nehmen, und ihn vor dem Volke zur Schau zu stellen; so wieManche eins oder das andre ansprechende Sätzchen der Lehre an-nehmen, die übrigen Materien bei Seite schieben.
Zweitens ist eine sehr wichtige Ursache, warum matt wie-