Druckschrift 
5 (1830)
Entstehung
Seite
143
Einzelbild herunterladen
 

gehalten I5L6.

143

liehen überhaupt erlernen sollen), auf welche wir gebracht wordensind, um von hier aus, in jeder Hinsicht tüchtig gebildet, demStaate gute Sitten zuzuführen? Welche Sitten werden aber solchezum Staatslcben mitbringen, welche, gleich als hatten sie sichauf einer Anstalt, wo Schamlosigkeit gelehrt würde, befunden,sich gewöhnt haben, dem Urtheile aller Vernünftigen Hohn zusprechen? Welche Scheu und Scham aus ihren Innern gänzlichverbannt, alle Ehrfurcht vor dem Gesetze abgelegt haben, undwahnen, ihnen sei Alles erlaubt? Denn, wie ich sagte, die Sucht,solche Abgeschmacktheiten nachzuahmen, nährt viele Laster.

Zu welchen Hoffnungen von sich berechtigt wohl derjenige,welcher schon in früher Jugend durch Gesetze sich weder zügeln,noch lenken ließ, sondern gleich als ein unumschränkter Machtha-ber, nur nach eigner Willkür sich kleiden, nach eigner Neigungleben wollte? Traun! Niemand wird ihm für irgend ein Lebens-verhältniß die nöthige Bescheidenheit oder Achtung gegen die Ge-setze zutrauen. Und dieser Vorwurf der Unverschämtheit trifftgerade die Meisten, welche spater nicht nur um Staatsämter,sondern um das weit würdigere evangelische Lehramt sich bewer-ben, zu welchem man mit ganz besonderer Bescheidenheit sichnahen muß.

Ich habe gehört, es habe im Schwabenlande ein überausverständiger frommer Fürst gelebt, Eberhard der Bärtigegenannt. Zu diesem, erzählt man, kam ein junger Mann, mitder Bitte um ein Predigtamt. Zufällig schlug ihm der Windden Rock aus einander, so daß der Fürst seine nach Soldatenweiseausgezackten Stiefel sah. Zu unsrer Zeit sucht das Niemand zuverbergen; so weit ist die Unverschämtheit vorgeschritten; bei die-sem hatte cs der Zufall aufgedeckt. Da wurde der Fürst, einsehr strenger Beobachter, der sehr über das äußere Betragenwachte, so ergrimmt, daß, obwohl er nie lateinisch zu spre-chen pflegte, dennoch der Zorn die Worte ihm auspreßte: Vrule!Ira! So befahl er ihm, weil er zornig auf ihn sei, von seinenAugen wcgzugehen, und weit entfernt, ihm das Pcedigtamt zugeben, schickte er ihn vielmehr sogleich fort, und schalt ihn tüch-tig, daß ec sich unterstanden, im Aufzuge eines Possenreißers vorseinen Fürsten zu treten und um ein Pfarramt zu bitten, mitden Zeichen der Unverschämtheit, des Leichtsinnes, die bei einemGeistlichen am wenigsten gefunden werden dürfen.

Eine rühmenswecthe Strenge, und, meine werthen Zuhörer,Euer Aller Beachtung werth! Denn es muß das Urtheil eines