136 Rede gegen die Modcsucht in der Kleidung,
ladet! Denn die Sache selbst nöthigt, einzugestehen, daß bei unseine unglaubliche Mannichfaltigkeit in der Kleidung zu finden sei.Was soll ich über die Schuhe sagen? Sonst waren sie geschnä-bclt; jetzt macht man sie in der Gestalt eines Triangels oderDeltoton. Kann man wohl Einen für etwas Anderes als eineabenteuerliche Phantasiegestalt halten, der in einer so verschrobenenKleidung, so bunt geschmückt einherschreitend, sich ringsum beschaut,und gleich dem Vogel der Juno sich selbst bewundert? Ja wahr-lich, hatte nicht die Gewöhnung an diesen Uebelstand uns dieVerwunderung benommen, Viele würden glauben, vielmehr einüberseeisches Ungeheuer, als einen Menschen zu sehen. WennIhr aber den weisesten Männern, ja wenn Ihr der heiligen Schriftglaubt, so müßt Ihr in einer solchen Kleidung ein deutliches Ab-bild des Gcmüthcs erkennen. Denn es heißt im Sirach (19,27.):
„Seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen den Mann an."
Aehnliche Unbeständigkeit, ähnliche Veränderlichkeit in den Nei-gungen, wie du sie in der Kleidung wahrnimmst, aber auch ähn-liche Geringschätzung der vaterländischen Gesetze haftet im Cha-rakter. Und wenn auch außerdem nichts Schimpfliches darin läge,so müßte doch das schon ernstlich gerügt werden, daß man ge-gen das Vaterland, welches uns erzeugt, uns erzogen hat, wel-ches unser Leben durch die trefflichsten Gesetze beschützt, so un-dankbar sein kann, daß man jetzt nur das Ausländische schön fin-det! Denn was soll einem Jeden theurer und weither sein, alsdas Vaterland? Wenn nun aber diese Modesucht auch dieSittlichkeit schändet, wer möchte nicht glauben, sie ernstlich flie-hen zu müssen? Schließt nicht Turnus da, wo er im Virgil denTrojanern den Vorwurf der Weichlichkeit macht, von der Klei-dung aus, wenn er spricht: *)
„Unterkleider mit faltigen Aermeln, bebänderte Mützen."
Denn es haben gelehrte Männer bemerkt, daß Rede, Hal-tung, Gang und andere Bewegungen des Körpers gleichsam eineAeußerung der Seele seien, so daß man darin, wie in einemSpiegel, den Charakter eines Jeden erkennen könne. Dennwie bei Pferden und Löwen Schwanz und Ohren die innernBewegungen anzeigen, eben so spricht sich auch in der Redenicht nur, sondern auch in der Kleidung, welche gleichsam ein
>) äen. IX, 616.