Rede gegen die Modesucht in der Kleidung, gehalten 1536. 133
lieh für einen Mann; zerfetzt und mit taufend Farben bemaltmuß es sein, wie alte Gemälde die Tracht der sonstigen Pos-senreißer darstellcn; dann erst erregt cs die größte Bewunderung,und auch dieses wird in der Regel täglich gewechselt. Kein Pro-teus hat sich in so verschiedene Gestalten gehüllt, als unsre Jüng-linge, die unaufhörlich ihre Tracht wechseln, gerade wie auf derSchaubühne die, welche mehrere Rollen spielen. Wiewohl nundieser Fehler so tief gewurzelt ist, daß er nicht durch eine jugend-liche Rede, welche kein durchdringendes Ansehen haben kann,nicht durch eine mittelmäßige Bercdtsamkeit gehoben werden kann,so meinte ich doch, an einem so würdigen Gegenstände meineKräfte versuchen zu dürfen. Ich bitte aber wiederholt, Ihr wolletmich, indem ich die ehrenvollste Sache vertrete, nach Eurer ge-wohnten Weife, geneigt und schonend hören. Das muß, wennkein andrer Umstand, doch mein Alter von Euch erheischen, wel-ches um seiner Schwachheit willen die übernommene Last nichtwird zu tragen vermögen, wofern Ihr nicht durch besondere Nach-sicht mich ermuthigen wollt.
Es ist aber die Modesucht, wie sie an sich schon sehr schimpf-lich ist, so vorzüglich in der Hinsicht noch weit mehr zu fliehen,weil sie viele andre verderbliche Uebel aus sich erzeugt, und sehrviele Fehler hervorbringt und nährt. Die Beweise für meine Be-hauptung darf ich nicht weit herholen. Denn da vor Kurzemhier Einer meiner Amtsgenofsen über die Bewahrung der altenSitten sehr ernste Worte gesprochen, Hofs ich, um so leichterEuch von der Verpflichtung zu überzeugen, daß man herkömm-liche Trachten beibehaltcn müsse. Denn wie bei andern allge-meinen Einrichtungen die Sucht nach dem Neuen und Ungewöhn-lichen tadelnswert!) ist, so muß sie auch in Bezug auf die Klei-dung gemißbilligt werden.
Stets aber war es die Ansicht der weisesten Männer, daßman alte Gebräuche und Gewohnheiten der Staaten und Völkerangelegentlichst zu erhalten suchen müsse, weil Nichts so sehr dieallgemeine Ruhe störe, als häufige Aenderungen der Gesetze undSitten, gleichwie auch häufiger Wechsel der Lebensweise die kör-perliche Gesundheit zu erschüttern pflegt.
Um Beispiele dieses Uebcls aus alter Zeit zu übergehen, sohat die unsrige ein trauriges Beispiel davon gesehen. Denn nach-dem nur erst einige wenige Kirchengebräuche, welche aus ir-gend eine Weise sollten verfälscht worden sein, abgeschafft waren,so erfolgte eine unglaubliche Verachtung alles göttlichen und