102 Rede, gehalten bei dem Begräbniß des Kurfürsten
„Nachbarstädte, zerreißend die Bande der heil'gen Verträge,
Schwingen die Waffen, und ringsum wüthet der blutige Kriegs-gott."
Wenn nun zur Wiederherstellung des Friedens, zu Verbes-serungen in Beziehung auf Gesetze und Religion sein Ansehen,seine Weisheit, seine geistige Größe mehr als je Bedürfniß wäre,so mag ich zwar dem Vaterlands keine unglückliche Zukunft ver»künden; ich fürchte jedoch, Gott habe ihn in Seinem Zorne diesenLandern entrissen, damit wir keinen Beschützer des allgemeinenFriedens ferner hatten. Durch viele außerordentliche Erscheinun-gen hat Gott Seinen Zorn schon kund gethan; es sind Mißgestal-ten geboren worden; es haben sich mehrere Sonnen gezeigt; manhat Regenbogen in der Nacht gesehen, den Schall der Heerpaukein den Lüften vernommen, so daß man wohl entweder den Un-tergang aller Dinge, oder einen ganz besonder» Schlag für Deutsch-land befürchten möchte! Dazu kam der Tod Friedrichs, deseinzigen Fürsten, durch dessen Rath die allgemeinen Uebel geheiltwerden konnten! Und wir sollten Deinen Tod, o Friedrich!nicht beweinen? Und wir müßten unser Loos nicht beklagen, dauns ja nicht der Herrscher, sondern der Vater in der ungünstig-sten Zeit entrissen ist! Das Vaterland hat seine Augen auf Dei-nen Bruder gewendet; wohl ist es überzeugt, seinem Schutzesicher sich anvertrauen zu dürfen. Aber meint doch auch Er, ei-nen Theil von seinem Selbst verloren zu haben, da Du verbli-chen, sehnt sich nach Deiner Geistesgegenwart, nach Deiner Kraftin jeder bedrängten Lage. Dieser Senat auch, vom Schmerzund der Trauer des Landes tief ergriffen, und gewohnt, DeinemWinke und Deiner Stimme zu folgen, .vermißt, wie das Heerin einer bedenklichen Schlacht seinen Führer, so Dich, das Hauptder öffentlichen Berathung.
Doch ich gebe zu sehr dem Schmerze mich hin! Warumsammle ich mich nicht vielmehr, und fasse das auf, was meineWehmuth etwas zu lindern vermöchte? Es haben weise Männerüber die Kürze des menschlichen Lebens, und über das allgemeineLoos derer, die geboren werden, viel disputirt, um die Gemü-ther zu gewöhnen, gemeinsame Uebel leichter zu ertragen. Daswill ich jetzt nicht berühren. Denn ich glaube, daß Friedrich,wiewohl Vernunft und eine vielseitige Erfahrung ihm eine großeKraft zur Ertragung irdischen Ungemachs angebildet hatte, dochein anderer viel kräftigerer Grund bewog, mit Unerschrockenheitdem Tode entgegen zu gehn. Denn er wußte aus der christlichen