54 Dem Hochgeborncn Mm Grasen Iah. v. Weda u.
einigen Witz, Gewandtheit oder schlaue Klugheit mitbringe, wasvielleicht ausreichen möchte, wenn die, welche durch ihre Be-rathung den Gang der wichtigsten Angelegenheiten leiten, garnicht verschieden waren von den Sclaven in der Komödie. Ganzandere Fertigkeiten aber erfordern die Staatsgeschäfte.
Andere, wenn sie auch vielleicht mit den Wissenschaften sichbeschäftigen, zeigen doch eine stolze Geringschätzung religiöser Kennt-nisse. Und wie ehemals die Meinung herrschte, die Philosophiesei denen hinderlich, welche zum Regieren berufen waren, so istes auch jetzt Grundsatz des Adels, die ernste Beschäftigung mitden Religionslchren müsse man den Mönchen, dem geringen,niedern Pöbel überlassen. Welchen verderblichen Einfluß dieserWahn auf die Kirche nicht nur, sondern auf das Leben derMenschen überhaupt habe, das beweisen die vielen Wunden desStaats. Ist die Obrigkeit Wächtcrin über die Gesetze, wie mitRecht behauptet worden, so muß sie vor Allem über die gött-lichen Gesetze wachen, in Betreff derer die heftigsten Streitig-keiten unter den Menschen Vorfällen. Und Niemand kann darinohne einen reichen Schatz gelehrter Kenntnisse Schiedsrichter sein,so wenig als ein Tauber über Fehler in einer Musik urtheilen kann.
Ich erinnere mich, von einem Fremden gehört zu haben, derKönig von Spanien, Alfons, habe nach der Weise der Fürstensein Lieblingssymbol gehabt; denn er malte hin und wiedereinen Pelikan, der sich mit dem Schnabel die Brust aufhackt,und zur Aetzung seiner Jungen das Blut heraus leitet. SolchenGemälden pflegt' er die Ueberschrist beizufügen: „ Für das Ge-setz und für die Herde!" um auszudrücken, es müsse ein Fürstsowohl zu Gunsten der Religion, als auch zum Schutze seinesVolkes allen Gefahren sich unterziehen. Weise sah Alfons, cssei der höher» Stände wesentlichste Obliegenheit: Eifer für dieReligion, ihre Erhaltung und Ausbreitung. Wenn denn nun alleMenschen zu dieser Pflicht von Gott aufgkfordert werden, daßein Jeder an seinem Platze zur Verherrlichung der Ehre GottesMitwirken soll, so können wahrlich die obern Stände nicht mei-nen, diese Pflicht gehe sie Nichts an!
Daß Du nun eine tiefere Einsicht in die christliche Lehrehoch schätzest, und selbst Dich derselben befleißigst, und dabei derLeitung frommer gelehrter Männer Dich bedienst, wegen dieserDenkungswcise wünsche ich Dir und dem Staate außerordentlichGlück, und ermahne Dich: Laß von dieser betretenen Bahndurch alberne Urtheile unwissender Menschen Dich nicht abbringcn!